Lilly

Lilly

Während der ersten Woche in der Schule habe ich schlechte Laune. Wir müssen singen und Ringelreihen tanzen, ich will aber nicht singen, ich will auch nicht Ringelreihen tanzen. Ich will lesen lernen.
Seit Monaten bereits musste meine Mutter mir, wenn ich sie beim Einkaufen begleitete, jedes Schild und jede Schrift auf einem Werbeplakat vorlesen, bis sie mich ungehalten anfuhr, ich solle endlich Ruhe geben, ich würde ja bald in die Schule kommen und selbst Lesen lernen. Jetzt bin ich in der Schule, und statt Lesen zu lernen, soll ich singen und Ringelreihen tanzen.
Was für ein Scheiß.
Glücklicherweise beginnen wir dann doch mit den ersten Buchstaben, und mit der Zeit geht es erfreulich voran.

Eines Tages gehe ich auf dem Heimweg nach dem Unterricht am Haus der Familie Richter vorbei, das auf halbem Weg zwischen der Schule und meinem Elternhaus steht. Auf der Treppe vor der Haustüre sehe ich die kleine Lilly sitzen. Sie ist zwei Jahre jünger als ich. Da Lillys Eltern viel arbeiten, und die zahlreichen Brüder älter sind und keine Lust haben, sich mit der kleinen Schwester abzugeben, ist sie oft allein.
Nun sieht mich Lilly auf dem Bürgersteig entlanggehen. Sie springt auf und stapft mit ihren kurzen Beinchen entschlossenen Schritts auf mich zu, stellt sich mir in den Weg und stemmt die Hände in die Seiten.
Ich erschrecke. Will sie zanken? Will sie mich treten oder schubsen? Bei Kindern mit vielen Geschwistern weiß man nie so genau. Die sind oft frech. Aber Lilly steht nur da, versperrt mir den Weg und sieht mich fest an. Ich weiß, sie kennt meinen Namen, aber es gibt keine Begrüßung.
„Kannst du Buchstaben?“, fragt sie mich in forderndem Tonfall. Ich nicke.
„Dann komm mit!“
Wir setzen uns auf die Treppe vor ihrem Haus. Lilly zieht ein Stück Kreide aus der Hosentasche und drückt es mir in die Hand.
„Los. Mal einen Buchstaben.“
Ich überlege. Dann entscheide ich mich für den ersten Buchstaben, den ich gelernt habe. Mit Bedacht ziehe ich die Linien auf der Gehwegplatte vor uns, und begleitet vom leisen Schaben der Kreide schreibe ich ein A auf den grauen Beton.
„Das ist ein A. A wie Andreas, verstehst du?“
Lilly nickt und betrachtet eine Weile den Buchstaben.
„Noch einen!“
Ebenso sorgfältig wie das A schreibe ich nun ein großes L auf eine Betonplatte.
„Das ist ein L. L wie Lilly.“
Lilly nickt. Ich reiche ihr das Kreidestück zurück.
„Ich muss jetzt nach Hause. Meine Oma hat mir ein leckeres Süppchen gekocht.“
Lilly hat offenbar Verständnis. Aber sie hält mir bedeutungsvoll das Kreidestück dicht vor meine Augen.
„Morgen wieder!“ Es ist keine Frage. Es ist ein Befehl.
Ich gehe davon, dann drehe ich mich noch einmal um. Mit verschränkten Armen sitzt Lilly regungslos auf der Treppe und betrachtet versonnen die Buchstaben.
A L
Fortan wartet Lilly jeden Mittag auf mich. Wir machen nicht viele Worte. Wir beschäftigen uns mit Buchstaben. Tag für Tag nehme ich die Kreide und beschreibe die Gehwegplatten mit den Schriftzeichen, die mir selbst gerade erst beigebracht wurden. Nach einigen Wochen hat Lilly das Alphabet gelernt, und ich habe ein Vorgefühl bekommen von der Zielstrebigkeit der Frauen.

Aus:
Andreas Fischer: Böll kam nicht bis Troisdorf, eschen 4 verlag, Berlin 2026

Andreas Fischer. Geboren 1961, aufgewachsen in Troisdorf bei Bonn. Die Eltern betreiben ein Fotoatelier mit angegliedertem Labor. Andreas fällt als Kind in einen Bottich mit Entwicklerflüssigkeit. In der Folgezeit entwickelt sich Andreas dadurch prächtig und wird Filmemacher, Fotograf und Schriftsteller.
2022 erschien sein erstes Buch, „Die Königin von Troisdorf“.
Heute lebt Andreas Fischer in Berlin.
Andreas Fischer (als Verlag und Schriftsteller)
Andreas Fischer (als Fotograf und Filmemacher)
Birgit Böllinger: Rezension zu »Böll kam nicht bis Troisdorf«

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Andreas Fischer, die Bildrechte bei Ilse Fischer.

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