Kostas

Kostas

Der Kopf, der unter Kostas Füßen wegrollte, war mit einem so präzisen Schnitt abgetrennt worden, als wäre es das Werk eines Fallbeils und nicht eines amerikanischen Granatsplitters gewesen.
Sergeant Tosidos hatte in seinem Leben schon viele Tode gesehen, aber dieser schien ihm besonders absurd. Seit dem Sonntagmorgen, an dem er in die DSE, die Demokratische Armee Griechenlands, zwangsrekrutiert worden war, hatte er gewusst, dass dieser Tod kommen musste, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er so reagieren würde.

Der Kopf, hinter dem sich eine rote Blutlache ergossen hatte, gehörte zum Anführer seines Trupps, einem Bibliothekar aus Athen, der das Gift des Kommunismus aus seinen Büchern gesogen und vom Krieg keine Ahnung hatte. Kopflos war er zum ersten Mal gewesen, als er sich freiwillig zur Armee meldete und von der Partei zum Leutnant ernannt worden war, da er lesen und schreiben konnte. Er kannte weder die Berge noch den Partisanenkrieg und war somit nicht in der Lage, ein geeignetes Kampfgelände zu finden, die Stellungen der schweren Geschütze festzulegen oder auch nur die einfachsten taktischen Manöver anzuleiten. Er wusste nicht, wie man sich in Deckung begibt. Er hatte keine Ahnung, wie man am Leben bleibt. Er konnte das Summen einer Hummel nicht vom Dröhnen eines herannahenden Geschosses unterscheiden. So war es auch kein Wunder, dass er nun zum zweiten Mal den Kopf verlor, diesmal jedoch endgültig.
Der Kopf lag nun mitten auf dem Weg und starrte Kostas mit weit aufgerissenen Augen an. Kostas stieß ihn mit der Stiefelspitze zur Seite.
Während er vergeblich versuchte, sich an den Namen des toten Kommandanten zu erinnern, tauchten auf dem nahen Hügel mehrere Regierungssoldaten auf. Sie hüpften unbeholfen hin und her, als ob sie über glühende Kohlen liefen. Jeder suchte Schutz, wo er nur konnte.
Kostas Tosidos kniete sich hin, lud sein Gewehr durch und riss mit dem ersten Schuss einen großen Schützen vom Gipfel des Berges, der im Fallen so durchdringend schrie, dass seine Kameraden hinter den Felsvorsprüngen die Köpfe reckten, um zu sehen, was los war. In diesem Moment legte Sergeant Tosidos seine erbeutete britische Lee-Enfield erneut an und bewies einem weiteren Anhänger des Königs, dass Neugier der erste Schritt zur Hölle ist.

Das gab ihnen den Rest. Der Zug, der den Trupp des kopflosen Leutnants angegriffen hatte, zog sich in Panik zurück, die Soldaten ließen ihre umgeschnallten Feldflaschen und schlecht sitzenden Helme fallen. Ihre ängstlich gekrümmten Gestalten boten eine hervorragende Zielscheibe, doch Sergeant Tosidos hielt nicht viel davon, Menschen in den Rücken zu schießen. Es war einfach nicht richtig, jemanden auf diese Weise zu töten.
Nachdem die Soldaten geflohen waren, wurde es still auf dem schmalen Weg, der sich den Berg hinaufschlängelte. Das Donnern der Gewehre und der Artillerie verstummte augenblicklich, als ob jemand ein Radio abgestellt hätte, das eine Schlachtreportage übertrug.
Der Sergeant griff nach seinem Fernglas, um sich zu vergewissern, dass der Gegner nicht auf die Idee kam, den Angriff zu wiederholen. Doch die Stellungen der Regierungseinheiten blieben weiterhin verwaist. Mit der Sonne im Rücken suchte Kostas Meter für Meter den gegenüberliegenden Hang nach feindlichen Bewegungen ab. Er fand keine.

In dem Moment entdeckte er einen Menschen.
Einen einsamen Mann in Felduniform und Barett der britischen Special Forces, der aus der Ferne die dezimierten Partisanen beobachtete. Tosidos fixierte sein Gesicht im Okular und justierte die Schärfe. Er zuckte plötzlich zusammen, als hätte er einen Geist gesehen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hangs, jenseits der Frontlinie und der Wahrheit, stand Albert Ramsey. Ein Mann, den Kostas als seinen engsten Freund betrachtete. Kostas Tosidos senkte das Fernglas und blickte unwillkürlich auf den Kopf des Bibliothekars aus Athen. Wieder musste er feststellen, dass dies definitiv nicht sein Krieg war.

Aus:
Maciej Siembieda: Katharsis, Polente Verlag, Wien 2026
Aus dem Polnischen übertragen von Ewa Krauss.

Maciej Siembieda wurde 1961 geboren. Der promovierte Politikwissenschafter arbeitete in den wichtigsten Pressehäusern Polens. Bereits während seiner publizistischen Laufbahn lag sein Fokus auf historischen Reportagen, für die er mehrfach mit dem Polnischen Pulitzer, dem Preis des Polnischen Journalisten Verbands, ausgezeichnet wurde. Seit 2017 begeistert er mit seinen Romanen, darunter die Jakub-Kania-Reihe und die Griechische-Trilogie (KATHARSIS, NEMEZIS, KAIROS), eine besonders breitgestreute Leserschaft ebenso wie die Verantwortlichen der wichtigsten Literaturpreise Polens.

Ewa Krauss studierte am Institut für angewandte Linguistik der Universität Warschau und promovierte im Bereich der slawistischen Literaturwissenschaft an der Friedrich Schiller-Universität Jena. Hier arbeitet sie als Lektorin der polnischen Sprache und Projektkoordinatorin im Alexander-Brückner-Zentrum für Polenstudien. Sie ist auch an der Universität Münster tätig und übersetzt aus dem Polnischen ins Deutsche sowie umgekehrt.

Polente Verlag
Birgit Böllinger: Rezension zu »Katharsis«

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Doris Lipp.

Comments Off

Weitere Beiträge

Deshalb nie

Deshalb nie

Mai 05, 2026
Feierabend

Feierabend

April 28, 2026
Fernweh

Fernweh

April 21, 2026
×