Adieu, liebe Mutter

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Meine Mutter hat getrunken
bis ihre Leber nur noch
ein harter Klumpen war
In all den Jahren
hatte sie häufig innere Blutungen
ist sie auf Messers Schneide eingeliefert worden
und hat immer überlebt

Oft habe ich vor der breiten Tür der Intensivstation
auf die Schwester gewartet
um dann mit Kittel und desinfizierten Händen
eingelassen zu werden

und da lag sie dann
mit angeschwollenem Gesicht
ihren bernsteingelben Augen
voll Freude
ein dünnes Stimmchen
ganz schwach, von weit her
das kaum damit nachkam
all die Geschichten zu erzählen
die ihr zwischen Traum und Realität widerfahren waren

ich bleibe noch ein bisschen
und dann komme ich auch

adieu
liebe Mutter

Aus:
Philipp Schiemann: Ausgesuchte Texte 1992-2020
Limitierte Sonderausgabe, ausschließlich beim Autor erhältlich: Philipp Schiemann

Philipp Schiemann, geb. 1969 in Düsseldorf, ist Autor und gelernter Mediengestalter mit Schwerpunkt Grafik. Seit Mitte der 1990er Jahre zahlreiche Veröffentlichungen von Prosa und Sachtexten, letztere stets mit Bezug auf Westafrika. Jüngste Publikationen: „Ausgesuchte Texte 1992-2020“ sowie die Erzählung „Rockstar 5.0“ (Killroy media Verlag, 2020).

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Philipp Schiemann, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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