Auf Berlin habe ich verzichten müssen

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„Auf Berlin habe ich verzichten müssen“ ist die einzige Bernhardsche Bosheit, die der Leser in den „Städtebeschimpfungen“ über Berlin findet. Dass Thomas Bernhard, der meinetwegen den Literatur-Nobelpreis auch posthum hätte bekommen können, wenn es denn unbedingt ein Österreicher sein musste, nicht mehr über meine Stadt einfiel, schmerzt mich bis heute.

Klar, ich liebe meine Stadt, sonst wäre ich wohl kaum ein halbes Leben lang nahezu täglich auf ihren Straßen und Wegen unterwegs gewesen. Und trotzdem, ein klein wenig mehr kreativer Beachtung vom alten Grantler Bernhard hätte ich mir schon gewünscht. Denn hat nicht der, der nicht schimpft, schon mehr als genug gelobt? Erst gar nicht ignoriert zu werden, das hat der Berliner nicht verdient.

Diese Bernhardsche Missachtung meiner Stadt hat mich von jeher belastet und führte bei mir zu einem mit den Jahren immer größer werdenden Groll in erster Linie auf die stetig steigende Zahl der ungefragt Berlin Heimsuchenden und von auswärts Zugezogenen. Anfangs hatte ich überlegt, in meinem Taxi ein Gewehr mitzuführen, mit dem ich Fahrgäste vertreiben könnte wie Bernhard die Kühe seines Nachbarn von seinem Vierkanthof. Als ich erfuhr, dass der Autor tatsächlich geschossen hätte, entschied ich mich für eine Peitsche.

Benutzt habe ich sie nie, obwohl es Gründe genug gegeben hätte. Allen voran die größte Ungerechtigkeit beim Taxifahren überhaupt: dass ich als Taxifahrer immer dorthin fahren muss, wo der Fahrgast hinwill und nicht dahin, wo ich denke, dass er hingehört. Selbst wenn ich das nach all den Jahren meist besser wusste als mein Fahrgast. Zum Schluss habe ich alle, die dorthin wollten, wo was los ist, immer direkt zum Flughafen gefahren.
Was sozusagen meine letzte Bernhardsche Bosheit war, denn nun gibt es zwar einen neuen Flughafen, dafür aber keine Fahrgäste mehr.

Und das ist nun auch nicht schön, so ganz auf sich zurückgeworfen zu sein. Natürlich könnte ich jetzt über die unterbesetzten Behörden, die kaputten Straßen und die nicht funktionierenden öffentlichen Verkehrsmittel schimpfen. Aber all das ist nicht wirklich neu. Selbst in New York, der Stadt die niemals schläft, ist Berlin bereits bekannt als „The City That Never Works“. Wahrscheinlich der Hauptgrund, dass wir Berliner chronisch schlechte Laune haben und immer über irgendwas meckern müssen. Aber trifft das nicht auch auf Thomas Bernhard zu? War der launige Grantler aus Österreich gar ein verhinderter, sich selbst im Wege stehender Berliner oder auch „Bearleener“, als er meinte, ausgerechnet auf meine Stadt verzichten zu müssen?
Wie dem auch sei: sicher ist, dass wir Berliner auswärtiger Beschimpfungen noch nie bedurften.
Schon gar nicht von einem Österreicher.

Ausgerechnet Thomas Bernhard, der an seiner Heimat kein gutes Haar fand, hat mir Österreich schmackhaft gemacht. Lange hatte ich dort auf meinem Weg von meiner Mutters Stadt nach meines Vaters Land nur wegen des billigen Benzins Halt gemacht. Ich fand in Österreich aber nicht nur Kraftstoff für mein Automobil, sondern auch einen Verlag für meinen Lieblingsautor Aleko Konstantinow. Die Werke des bulgarischen Klassikers, deren Herausgabe zuvor von fünfzig Verlagen in Deutschland abgelehnt worden war, fanden beim Wieser-Verlag im österreichischen Klagenfurt ein neues Zuhause. Nach der nahezu vollständigen Balkanisierung Berlins, Stichwort: „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen“, kann ich nun auch gleich nach Bulgarien ziehen. Meinen Zwischenstopp in Wien nutze ich zum Auftritt auf den Brettern der wunderbaren Laienbühne.
Auf Berlin allerdings werde wohl auch ich in Zukunft verzichten müssen.

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Rumen Milkow.

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