Die Löwin von Etosha

Gastbeiträge

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Der Löwin scheint es schlecht zu gehen. Unaufhörlich stößt sie klagende Laute aus: „Uok! Uok! Uok!“ Ihr Fell ist abgeschabt wie ein alter Bettvorleger, der Bauch hängt tief, berührt fast den Boden und Fliegen umschwirren ihr Maul.
Warum jammert sie so grauenvoll? Ob Schmerz sie plagt? Wurde das kranke Tier vom Rudel verstoßen?

Als ich meinen Blick von der Löwin abwende, entdecke ich im Gebüsch die blutverschmierte Beute der Löwin – ein totes Gnu. Dieselbe Szene stellt sich mir nun in einem völlig anderen Licht dar. Die Löwin ist mitnichten krank, sondern hat sich satt gefressen, deswegen hängt ihr Bauch übervoll bis zum Boden, und der Blutgeruch an ihren Lefzen hat Massen von Fliegen angelockt.
Aber warum brüllt sie?

Da nehme ich eine Bewegung wahr: Auf einem Baum krabbelt ein plüschiges Etwas herum. Ich blicke durchs Fernglas – ein Löwenbaby! Es hängt dort oben wie eine reife Frucht. Da! Noch eins. Und ein drittes, viertes, fünftes. Fünf kleine Löwen! Jetzt wird mir alles klar. Bevor die Löwin zur Jagd aufbrach, hatte sie ihren Nachwuchs auf dem Baum in Sicherheit gebracht.
Nun sitzen sie oben und trauen sich nicht mehr herunter.

Nach einer Weile fasst das erste Löwenjunge Mut, hangelt sich tiefer von Ast zu Ast und rutscht schließlich am glatten Stamm hinab. Seinem Beispiel folgen bald darauf die anderen, keines will allein zurückbleiben. Das kleinste hat schlecht aufgepasst und sich nicht umgedreht. Kopfüber hängt es am Stamm. Voller Angst miaut es. Niemand kann ihm helfen, wenn es sich nicht selbst hilft.

Vorsichtig löst es eine Tatze von der Rinde, schiebt sie ein Stück nach unten, hakt sie wieder fest. Dann die andere Tatze und nun mit beiden Hinterbeinen nachziehen. Das ging ganz gut. Gleich noch mal. Die Geschwister sind inzwischen eins hinter dem anderen mit aufgerichteten Schwänzen zur Mutter marschiert, werden von ihr liebevoll knurrend begrüßt und beleckt. Das Kleinste will auch dabei sein.
Mit dem Mut der Verzweiflung stößt es sich ab und springt, kugelt ins Gras, rappelt sich auf und tapst zu seiner Mutter.

Aus:
Carmen Rohrbach: Namibia – Abenteuerliche Begegnungen mit Menschen, Landschaften und Tieren. Verlag: National Geographic / Malik.

Carmen Rohrbach, geboren in Bischofswerda. Biologie studiert und von der Neugier auf die Welt gepackt. Wegen des Versuchs, der DDR zu entkommen, zwei Jahre inhaftiert. Von der Bundesrepublik freigekauft, promovierte sie am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie. Erhielt einen Forschungsauftrag, der sie auf die Galapagos-Inseln führte. Lebte ein Jahr lang auf einer kleinen Insel, unter Meerechsen und der Sonne des Äquators. „Inseln aus Feuer und Meer“ entsprang dieser Erfahrung, zahllose Bücher folgten.
In ihren Büchern lässt sie die Leser Anteil nehmen an ihren abenteuerlichen Reisen nach Südamerika, Afrika, Asien, Arabien. Seit vielen Jahren zählt sie zu den populärsten deutschen ReiseschriftstellerInnen.
Zuletzt erschienen: Wildes Kasachstan – Auf der Fährte des Sibirischen Steinbocks, National Geographic / Malik, 2021
Carmen Rohrbach

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Carmen Rohrbach.

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