Aus den Erinnerungen des Leadsängers

Gastbeiträge

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Das Dahintreiben zwischen den wogenden Höhen und den übersteuerten Tiefen des Mischpultes. An jedem Wochenende aufgetreten, ein heiserer Mikrofonrecke, mit seiner Walfischgräte im Hals. Zugige Festzelte, beheizte Turnhallen, umdekorierte Sportheime. Es war die Zeit, als auch das Falsche seine Richtigkeit hatte, man noch Wildlederjacken trug, Jackycola trank, und keiner auf den Gedanken gekommen wäre, sich eine Narbe tätowieren zu lassen.

Unser Keyboarder saß auf dem Melkschemel seines Klavierhockers, der Drummer war angehender Versicherungskaufmann, die Bassgitarre trank bloß sauren Sprudel. Fünf Vollzeitstellen, um am Wochenende von der Musik zu leben, als ergäben zwei Halbheiten dann etwas Ganzes. Desperados hieß unsre Coverband, Rhythmenboys waren wir, angekündigt als die Melodystars. Akkorde wie rasselnde Ankerketten. Gitarrenriffs, an denen die Arbeitswoche zerschellte. Bassfiguren, die den Schlangenbeschwörer imitierten vorm Beatmungsschlauch.

Nur beim Spielen hallten die Abwehrkräfte nach, die einen Lieblingssong davor bewahren konnten, Kaufhausmusik zu werden. Und lange erst nachdem wir uns aufgelöst hatten, dämmerte es in mir, daß das Schönste am Schönen dieser Jahre die frühmorgendlichen Heimfahrten im Bandbus waren, die über die Landstraßen hin führten, statt auf den Krampfadern der Autobahn, als wir die Stille aufdrehten, bis sie im Wageninnern dröhnte, in den Schneefall hineinfuhren wie in das tonlose Rauschen eines Senders.

Aus:
Walle Sayer: Nichts, nur. Kröner Verlag, 2021

Walle (Walter-Hermann) Sayer, 1960 geboren. Kindheit und Jugend im Schatten des 1478 erbauten und 60 Meter hohen Bierlinger Kirchturmes, der mit seiner Höhe „ein Veto ragt ins amtierende Licht“. Lebt und schreibt in Horb am Neckar. Veröffentlicht seit 1984 Gedichte und Prosa. Verschiedene Auszeichnungen, zuletzt: Basler Lyrikpreis 2017 sowie Gerlinger Lyrikpreis 2018; 2020/2021 erhielt er ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds.
Zuletzt erschienen: „Nichts, nur“, ein Auswahlband, 2021, „Mitbringsel“, Gedichte, 2019 und „Was in die Streichholzschachtel paßte“, Feinarbeiten, 2016.
Walle Sayer bei Literaturport
Nichts, nur – Kröner Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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