Zwei

Aus dem Alltag

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Jetzt liegt also auch sie im Krankenhaus. Hängt an Schläuchen, die ihre Schönheit entstellen. Ist vielleicht gar nicht mehr am Leben.
Tot, wie ihre Zwillingsschwester.

Du wirst mir die Geschichte ohnehin nicht glauben. Niemand glaubt sie, der nicht selbst dort gewesen ist. Gesehen hat, was passiert ist an diesem zugigen Novembertag, an dem der Himmel tiefer hing als sonst und nicht einmal die Krähen zufrieden waren mit dem Wetter. Es war eine gottverdammte Ungerechtigkeit, dass ihre Schwester … sie war noch so jung. Siebenunddreißig, das ist doch kein Alter, um zu sterben. Mit dem Leben beginnen muss man mit siebenunddreißig.
Mit dem Leben.

Es war Ende Oktober, als es passiert ist. Eben war sie noch in der Bäckerei gewesen, hatte einen Laib von diesem Bauernbrot gekauft, dessen Kruste so unverschämt knusprig war, selbst nach Tagen noch, wenn man es nur richtig lagerte. Hatte mit der blonden Verkäuferin gesprochen, über das ungewöhnlich milde Wetter und dass sie sich darauf freue, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, jetzt wo die Herbstferien bevorstanden. ‚Bis Samstag dann‘, hatte sie zur Verkäuferin gesagt, war durch die Tür gegangen, hatte ein paar Schritte gemacht, bestimmt nicht mehr als zehn. War umgefallen, einfach so.
Ein junger Mann war zu ihr gelaufen, hatte sich neben ihren Kopf gekniet. Sich nicht zu helfen gewusst. Vier Meter weiter stand ein Kind, das nicht begreifen konnte, was nicht zu begreifen war. Still zu weinen begann.

Entschuldige, wenn ich ein wenig rührselig werde. Ich mag es ja immer noch nicht glauben. Aber wer glaubt schon, dass er an einem Hirnschlag stirbt? Einfach so, auf der Straße. Im einen Augenblick denkst du noch an das Scharnier, das du ölen musst, weil die Tür wieder quietscht oder in welche Lade du die Streichhölzer gelegt hast. Und im nächsten liegst du auf dem Straßenpflaster und ein Mädchen, das du nicht gekannt hast, hat dich sterben sehen.
Siebenunddreißig. Eine verdammte Ungerechtigkeit ist das, eine gottverdammte Ungerechtigkeit.

Ihre Schwester hat das nicht glauben wollen. Ist tagelang an ihrem Krankenbett gesessen, in dem nur noch der Körper lag, nicht mehr der Mensch. ‚Hirntot‘ haben sie gesagt, sie wollte es nicht hören. Hat sich über jedes Fingerzucken gefreut und auf die Maschinen geschaut, die nur ihre eigene Hoffnung am Leben erhielten.

Siebzehn Tage später starb auch die Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob sie ihnen zugehört hat. Ob es ihr ein Trost gewesen ist. ‚Die Organe‘, haben sie gesagt. Damit andere leben können. Dunkel ist es gewesen, draußen vor dem Fenster und in ihr drinnen. Ich glaube nicht, dass sie etwas gesagt hat, vielleicht hat sie nur kurz genickt.
Ein letztes Mal das Gesicht betrachtet, das wie ihr eigenes war.

Und dann standen wir da, an diesem zugigen Novembertag, an dem der Himmel tiefer hing als sonst und nicht einmal die Krähen zufrieden waren mit dem Wetter. Der Priester hat eine ganze Weile gesprochen, ich habe ihm kaum zugehört. Viele haben geweint, aber ich konnte das nicht. Der Wind hat an unseren Mänteln gezerrt und an unserem Glauben.
Meinen hatte er längst fortgetragen.

Reglos ist sie dagestanden, wirkte so zerbrechlich an der Seite ihres Mannes, der seinen Arm um sie gelegt hatte. Der Witwer neben ihr, der noch nicht wusste, was das hieß: Witwer sein. Die beiden Söhne, die schon begriffen hatten, wie sehr die Mutter fehlen konnte. Ja, reglos ist sie dagestanden und hat auf die Grube geschaut, in die sie ihre Zwillingsschwester gelegt hatten. Konnte nicht weinen, nur stumm auf das Grab schauen. Sogar die Krähen haben geschwiegen.

Dann hat sie ihren Mann angesehen und seinen Arm von ihrer Schulter geschoben. Hat etwas gesagt, hat es gelallt, wir verstanden es nicht. Sahen nur ihren linken Mundwinkel, konnten es nicht fassen. Ihr Mann hat sie gleich an der Hand genommen, sie nicht mehr losgelassen. Sie ins Auto gezerrt und ins Leben.

Jetzt liegt also auch sie im Krankenhaus. Hängt an Schläuchen, die ihre Schönheit entstellen. Man müsse mit allem rechnen, haben sie gesagt. Dürfe auf alles hoffen.

Ob du mir die Geschichte glauben wirst? Wahrscheinlich nicht, ich würde es ja auch nicht tun. Aber darauf kommt es nicht an, mein Freund.
Darauf kommt es nicht an.

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