Posts by Manfred Lipp
Wintertag

Wintertag

Im Dorf meiner Kindheit lebte der Bub, der mich mied. Ich verstand es nicht. Frag nicht, sagte er an jenem Wintertag, da ich ihn zur Rede stellen wollte, sah mich an aus engen Augen. Ich fragte. Ein Schneeball, der mir eine blutende Wunde schlug an der Wange, von flinken Fingern geworfen, aus kurzer Distanz; Fußspuren,...

Comments Off
Unsichtbar

Unsichtbar

Das Kind steht vor den Eltern, stumm, hält sich den Ellbogen. Hast du dir wehgetan? fragt die Mutter, prostet der Schwägerin zu, trinkt. Das Mädchen sagt nichts, nickt. Wird schon nichts Arges sein, meint der Vater, sagt: lass einmal sehen. Das Kind nimmt die Hand vom Ellbogen, hebt den Arm, will ihn dem Vater zeigen....

Comments Off
Delphi

Delphi

Waren wir also hier, sahen auf das Ruinenfeld, auf die Schlucht, die Berge dahinter, die Wolken, die sich nach Süden schoben. Zum Greifen nah, zehn Schritte nur entfernt, der Tempel des Apoll, die sechs Säulen, die aufrecht stehen. Rechts der Säulen, mittig wohl, der Platz, wo die Pythia gehockt ist auf dem Dreifuß. Wo sie,...

Comments Off
Knoten

Knoten

War da ein Knoten? Sie erschrak. Starrte auf das Spiegelbild, sah die nackte Frau, die sich an die Brust fasste, ihre gerunzelte Stirn und die Augen, in denen Zweifel lag und Unglauben. Es dauerte lange, bis sich die Frau im Spiegel bewegte.

Eine Zyste, dachte sie. Bestimmt eine Zyste. Sie verstärkte den Druck ihrer Finger, versuchte,...

Comments Off
Wortlast

Wortlast

Was liest du? fragte Daniel und strich eine Falte im Sitzbezug glatt, aus Langeweile wohl. Einen Roman? Tobias sah auf die Uhr, die über dem Tisch neben dem Eingang hing. Romane langweilen mich, antwortete er. Sie brauchen zu viele Wörter, die nutzlos sind. Daniel nickte. Es war ein Nicken, das Zustimmung ausdrücken mochte oder völlige...

Comments Off
×