Babel

Aus dem Alltag

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Ein Missverständnis, denkt sie. Dieses Wort, gänzlich falsch, furchtbar fremd. Hast du jetzt Schlaganfall gesagt? fragt sie. Presst den Satz ins Telefon, als wüsste sie nicht recht, wohin mit ihm, wie ihn aussprechen.

Ein Schlaganfall, wiederholt die Mutter. Sie atmet schwer. Weint jetzt. Die Tochter steht in der Wohnküche, sieht auf den Tisch, das Bücherregal, das Bügelbrett vor ihr, auf dem die Lieblingsbluse liegt.
Vor drei Tagen, sagt die Mutter.

Die Tochter fragt: Drei Tage, Mama?
Die Mutter sagt: Ich wollte dich nicht beunruhigen, Kind.

Herrgott noch mal! sagt die Tochter, schreit es fast. Papa hat einen Schlaganfall und du willst, dass ich nicht beunruhigt bin?
Schrei nicht mit mir, sagt die Mutter gekränkt. Weint wieder.

Die Tochter schließt die Augen. Fragt, ruhiger jetzt: Wie geht’s ihm?
Es geht so, meint die Mutter.

Die Tochter hält den Atem an. Sechs Sekunden, sieben. Acht vielleicht. Hallo? fragt die Mutter. Bist du noch da?
Was heißt so? will die Tochter wissen.

Ich weiß es doch auch nicht Kind er liegt in seinem Krankenbett und wenn er reden will versteht man kaum ein Wort und wenn er merkt dass ich ihn nicht verstehe wird er fuchsteufelswild und schreit und deutet mit dem rechten Arm weil die linke Seite kann er fast nicht bewegen aber die Ärzte sagen man muss abwarten es ist alles ganz furchtbar.

Die Tochter weiß nicht, was sie sagen soll. Sagt nichts.
Wartet.
Die Gebauer Lena hat einen Buben bekommen, sagt die Mutter. Putzt sich die Nase.

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