Berliner Nachtgeschichte

Gastbeiträge

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Sie weiß schon, dass er es ist. Sie zieht den Bademantel an, geht in den Flur, um die Tür zu öffnen. Dann geht sie nochmal zurück und tauscht den Bademantel gegen den Morgenmantel. Weil, den Bademantel hat er ihr ja letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt und jetzt will sie vorsichtig sein mit seinen Gefühlen. Reinlassen will sie ihn eigentlich nicht. Wahrscheinlich wird er auch gar nicht reinkommen wollen. Er steht da im dunklen Hausflur. Hat vermutlich schon eine Weile vor der Tür gestanden, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen und den ganzen Schmerz der letzten schrecklichen Wochen im Gesicht. Er ist dünn geworden und er hat sich das Leid des Verlassenen auf die Stirn geschrieben, dass es jeder sehen kann: Mir geht’s so schlecht!

Das tut ihr ja leid, aber es regt sie auch irgendwie auf. Mann, der kann sich doch mal zusammenreißen! Ich reiß mich doch auch zusammen, denkt sie. Er steht da und schnieft und sieht auf ihre nackten Füße. „Lass mir doch wenigstens das Kind.“ Er sieht sie flehend an und sein Kinn zittert. Das letzte Mal, als sie sein Kinn zittern gesehen hat, das war auch hier im Flur, vor drei Jahren, als ihm durchs Telefon gesagt wurde, dass seine Mutter gestorben war. Sie merkt, wie sie schon wieder sauer wird, dass er so schwach ist und dass er so tut, als würde sie ihn vernichten wollen mit ihrer Grausamkeit. Sie friert jetzt ein bisschen und schlingt die Arme um ihren Leib. Sie lehnt an der Wand und sieht ihn an. Es hat keinen Sinn mehr zu reden. Ihm schon wieder alles zu erklären, das kommt ihr so sinnlos vor, wie einem Toten etwas zu Essen hinzustellen. Sie schubst sich mit der Schulter von der Wand weg und geht langsam ins Schlafzimmer. Nach einer Weile kommt sie wieder, mit dem eingewickelten schlafenden Baby im Arm. Sie weiß, dass sein Jammerblick sich jetzt verändert hat, aber sie sieht ihn nicht an, sie sieht auf das Kind und dann legt sie es ihm in den Arm mit der karierten Wolldecke und macht die Tür zu.

Jetzt zieht sie noch den Bademantel über den Morgenmantel und da sind ihre Zigaretten in der Tasche. Wie spät es ist, will sie gar nicht wissen. Als sie das Wohnzimmerfenster öffnet, rumpelt die leere Straßenbahn durch die leere Straße. Kann also noch nicht so spät sein. Sie setzt sich aufs Fensterbrett und bläst den Rauch in die Nachtluft. Das Laternenlicht spiegelt sich orange auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Er kommt aus dem Haus, steht vor der Tür und sieht ganze Zeit zu dem schlafenden Kopf runter. Er geht ganz vorsichtig, langsam, wie über dünnes Eis rüber zum Spielplatz und setzt sich auf die Bank mit seinem karierten Bündel. Ein nasser Nachtwindgeruch weht ins Fenster und unten geht noch ein fremder Mann mit einem fremden Hund. Als er vorbei ist, schnippst sie den Zigarettenstummel hinterher. Sie schließt das Fenster und hält kurz inne, als sie durch die Scheiben sieht, wie seine Schultern beben, er den Kopf zum Kind runterbeugt, und sie fühlt sein Schluchzen, obwohl sie es nicht hören kann.

Im Bett lässt sie die beiden Mäntel an und als sie nach einer Weile wieder wach wird, prasseln Regentropfen gegen die Scheibe. Sie schrickt auf und plötzlich wird sie panisch. Sie geht zum Fenster und ihr Herz schlägt bis zum Hals. Die Bank ist leer. Sie sackt auf den Fußboden und weint. Sie kann es nicht fassen, wie ihr Leben in so kurzer Zeit so entsetzlich schwer werden konnte. Sie versucht, sich zu beruhigen, versucht sich vorzustellen, es wäre Tag, weil bei Tag die Gedanken vernünftiger sind als bei Nacht. Er ist der Vater, sagt sie sich immer wieder. Er ist der Vater. Dann hört sie schlagartig auf zu weinen, wischt sich mit dem Bademantel die Tränen ab, steht auf und geht in den Hausflur. Da sitzt er. Auf der Stufe mit dem schlafenden Kind. Er sieht nicht mehr so leidend aus. Er sieht sie ganz ruhig an. Sie setzt sich neben ihn und sie sehen beide auf den schlafenden Kopf mit der durchscheinenden Haut wie Wachs. Die Augenlider mit den blauen Äderchen zucken leicht und der Mund ist ein bisschen geöffnet. Dann atmet das Kind einmal tief, kräuselt die Lippen und entspannt sich wieder. Da liegt es schwer und ergeben in seinem Schoß und wenn es jetzt wach wäre, dann würde es vielleicht lachen. Er hebt das Kind in ihren Schoß und dann geht er die Treppe runter, die Hände in den Hosentaschen und lächelt auf dem Absatz kurz zu ihr hoch mit einer nicht-zu-ändern-Geste. Sie geht in die Wohnung und zum Fenster und sieht ihn die Straße hinunterschlendern. Mitten auf der leeren Fahrbahn. Fast kommt es ihr vor, als würde sie mit ihm schlendern durch die feuchte Nacht über das orange beleuchtete Kopfsteinpflaster.

Franziska Hauser, geboren 1975 in Berlin Pankow, ist Autorin und Fotografin. Sie hat zwei Kinder und zwei Enkel. Studium Bühnenbild und freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Studium Fotografie an der Ostkreuzschule bei Arno Fischer; Stipendium der Stiftung Kulturfonds. 2015 erschien ihr Debütroman „Sommerdreieck“ im Rowohlt Verlag, wofür sie den Debüt-Preis der lit.COLOGNE erhielt und für den ZDF Aspekte-Preis nominiert wurde. Zeitgleich erschien im Kehrer Verlag der Fotobildband „Sieben Jahre Luxus“.
Ihr zweiter Roman „Die Gewitterschwimmerin“ (Eichborn Verlag 2018) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2018 Gewinnerin des Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerbs. Im selben Jahr Gründung der monatlichen Lesebühne „Des Esels Ohr“ (gemeinsam mit Kirsten Fuchs, Susanne Schirdewahn und Barbara Weitzel). Ihr dritter Roman „Die Glasschwestern“ erschien 2020 (Eichborn Verlag).
Sie schreibt und fotografiert für Das Magazin, Berliner Zeitung, FAZ, taz, Die Welt u.a.
Der vierte Roman „Keine von ihnen“ erscheint Ende April 2022. Ebenfalls bei Eichborn.
Franziska Hauser

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Franziska Hauser.

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