Bleiben. Dürfen.

Aus dem Alltag

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Kroch die Fliege also doch ins Bierglas. Eine ganze Weile hatte sie die Lage sondiert, war um das Glas geflogen, auf der Tischplatte spaziert. Breuer hatte sie nicht verscheucht. Ohnehin, dass das Glas leer war, beinahe. Verblieben nur ein Schluck, der, lauwarm geworden durch die Tatenlosigkeit der letzten Stunde, Breuer das Recht gab, nicht nach der Rechnung fragen, aufstehen, gehen zu müssen. Bleiben dürfen, dachte er, lächelte bitter. Er sah auf die Fliege, die ihren Rüssel in die Reste des Bierschaums hielt. Bleiben dürfen, wiederholte er, sagte es diesmal, leise freilich. Der Kellner, der irakische Wurzeln hatte, hörte es, sah auf, runzelte die Stirn. Als ein Gast nach ihm rief, nickte er, ging in den Nebenraum, hatte Breuers Worte bald vergessen. Breuer legte seine Hände auf die Tischplatte, betrachtete sie. Was anfangen mit ihnen? fragte er sich. Er schloss die Augen, atmete tief. Fünf Tage war es her, dass er seinen Job verloren hatte. Zwei Wochen vor Weihnachten. Es müsse sein, hatte die Personalchefin gesagt. Die Personalkosten. Der Kostendruck. Es werde einen Sozialplan geben, hatte sie gesagt, gelächelt auch. Breuer hatte nicht gelächelt. Er hatte sich geschämt. Noch ein Bier? fragte jemand, nah, freundlich. Breuer öffnete die Augen, sah den Kellner. Er zögerte, überlegte, schüttelte den Kopf, verlangte die Rechnung. Als sein Blick aufs Bierglas fiel, war da die Fliege, die ihren Rüssel putzte, die Beine aneinanderrieb. Bleib, sagte Breuer, stand auf, ging.

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