Can you tell me who I am

Gastbeiträge

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Aus dem Fenster geschaut. Auf der Straße steht ein Mann. Langer Mantel, Mütze über die Ohren. Er geht nach links. Zum Dorfladen. Leicht gebeugt, eine Plastiktüte schlägt bei jedem Schritt gegen den Mantel. Grauer Stoff. Er bleibt vorm Laden stehen. Er geht nach langen Blicken hinein.

Aus dem Fenster geschaut. Auf der Straße geht der Mann. Er geht bis zum Dorfladen, dann überquert er die Straße, geht zurück bis zur Bushaltestelle. Leicht gebeugt, mit schrägen Blicken neben sich. In die Büsche, auf die Straße.

Fenster. Geschaut. Vormittag. Der Mann sitzt an der Bushaltestelle, vorn über gebeugt. Er dreht den Kopf nach links und nach rechts. Er raucht. Fenster. Geschaut. Der Mann sitzt, gebeugt, er schaut in seine Tüte. Am Nachmittag. Er öffnet eine Flasche Bier. Die Leute winken ihm zu. Manche bleiben stehen. Einer gibt ihm Zigaretten. Der Mann sitzt und schaut dem Dorf zu.

Aus dem Fenster geschaut. Der Mann steht unter dem Vordach des Pfarrheims. Es wird dunkel. Die Zigarettenglut leuchtet. Verlischt. Der Mann wird fast unsichtbar. Ein Schatten breitet eine Matte aus und setzt sich. Der Mann bleibt.

Er richtet sich in dem Eingang zum Pfarrheim ein. Er wird Nachbar. Er bekommt einen Stuhl, ein Kissen, neue Decken, weil es immer kälter wird. Heißes Wasser, einen Becher Kaffee, Kekse, Brote. Essen. Er möchte nicht in die Unterkunft in der Stadt. Nein. Da wird er sehr bestimmt. Nein. Dahin nicht. Er will nicht müssen. Er will in Ruhe schlafen, liegen, da sein. Nur da sein. Im Windschatten. Unter dem Vordach. In der Ecke. Und rauchen. Manchmal ein Bier, Wein trinken.

Aus dem Fenster geschaut. Morgens. Er schläft noch. Später Kaffee vorbeibringen. Abends. Er raucht. Ein Nachbar hat ihm einen Schlüssel gegeben zur Toilette im Schuppen. Zwei Polizisten kommen. Er kann bleiben. Das Ordnungsamt schickt zwei Männer. Nein, er will nicht in die Stadt. Alles ist gut. Geld hat er. Nachbarn hat er. Einen Tisch hat er inzwischen auch. Er ist eingerichtet.

Aus dem Fenster geschaut. Die Polizei steht ein paar Häuser weiter. Viel Gerede. Immer wieder zeigen die Hände in Richtung Pfarrheim. Der Mann soll in die städtische Unterkunft. Er soll seinen Müll aufräumen. Er soll weg. Nicht dableiben. Weg. Das Ordnungsamt kommt. Sie bieten dem Mann an, seine Sachen zu transportieren. Er hat ja Hausstand inzwischen. Sogar eine Liege. Morgen soll er weg. Der Mann räumt auf. Ein Nachbar bringt einen Rollkoffer. Der Mann verzieht sich unter einen Pflaumenbaum für die Nacht.

Aus dem Fenster geschaut. Der Mann sitzt an der Bushaltestelle. Er raucht, dann steht er auf. Er geht. Nimmt nichts mit. Nur seine Tüte. Er geht. Der Mann hat ein Messer im Herz.

J. Monika Walther stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Schlug an vielen Orten Wurzeln. Studierte, promovierte, zog los in die Welt. Kehrte zurück und wurde sesshaft im Münsterland und in den Niederlanden. Wurde 1976 Schriftstellerin, ist es bis heute. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt „Der Mann ohne Hände“ (zusammen mit Monika Detering, Geest-Verlag 2020), „Dorf – Milch und Honig sind fort“ (Geest-Verlag 2020) und „Als Queen Elizabeth II. Schnaps im Hafen von Marne trank“ (Geest-Verlag 2018).
J. Monika Walther
Geest-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei J. Monika Walther, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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