Die blinden Adler
- Januar 09, 2024
- by
- Nichita Danilov
Der Vogel kam dreimal vom Himmel herab,
es war ein Adler. Nieder ließ er sich
auf seinem Scheitel aus Eisen,
auf seiner Schulter aus Eisen.
Auf seiner rechten Hand.
„Herrschen wirst du“, sprach er da,
„über diese unendliche Gegend,
über dieses sich weithin erstreckende Land.
Dein Arm wird aus Eisen sein,
aus Eisen wird sein dein Wille.
Gerechte Gesetze.“
Und er herrschte ins Leere
unter einem leeren Himmel,
in einem leeren Saal,
über eine unfruchtbare Gegend,
über ein Land ohne Untertanen.
Sein Arm war aus Eisen,
sein Wille nicht minder.
Strenge Gesetze.
Dann kamen weitere Vögel,
eine Unmenge Vögel. Allesamt Adler.
Erst hackten sie ihm...
alle meine Worte
- Januar 02, 2024
- by
- Isabella Breier
ein wildes Wort
wütet
vorm Tor
ein süßes
steht ihm
summend zur Seite
ein drittes
lehrt täglichen Dämmer
viel nächsten Tag,
das Pflaster
bald Strand,
die Zeile
manch Zeichen
ein tapfres
frisst Müll
aus den Tonnen,
ein übles kotzt auf Asphalt
ein erdiges stampft,
ein wässriges spiegelt,
ein feuriges züngelt,
ein luftiges schwebt,
ein sehr...
Schneescherben
- Dezember 26, 2023
- by
- Peter Ettl
den eigenen spuren folgend
die der eiswind verweht
die luft splittert
den körper in schneescherben
einen fuß vor den anderen
ein gedanke der
den flocken folgt
leicht wie
ein eisberg
flieg seelchen
flieg
Aus:
Peter Ettl: Schneescherben, Silver Horse Edition, 2023.
Peter Ettl, *1954 in Regensburg, lebt in Marklkofen (Niederbayern). Über 50 Buchveröffentlichungen, zuletzt „Schneescherben“, Lyrik,...
Die frühesten Bilder
- Dezember 19, 2023
- by
- Walle Sayer
Dies Theorem, daß die Kindheit ein Urkontinent sei. Wir versuchen uns zu erinnern an das früheste Bild, das wir haben. Der Freund sieht sich auf der nächtlichen Kinderstation in einem kalten Gitterbett. Seine Frau liegt im Stubenwagen, und eine Maus läuft ihr über die Stirn. Du richtest dich am Beistelltischchen auf und stößt dabei die...
Angst
- Dezember 12, 2023
- by
- Elke Engelhardt
Immer wieder gibt es Zeiten, in denen ich sie vergesse, dann schlendere ich unbeschwert durch den Tag und sie schleicht sich an, sie muss gar nichts sagen, dieses Schleichen genügt, die Nähe, ihr Atem vielleicht. Ich verstehe sofort genau was sie sagt, ich verstehe diese Behauptung, dass es nicht mein Leben ist, dass alles, was...





