Der Niesen

Gastbeiträge

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Im Zug Richtung München, wo ich mich mit Freunden treffen wollte, las ich in einem Roman von Perutz. Im Abteil hinter mir saßen zwei Berner. Sie hatten bereits einige Dosen Bier getrunken, sprachen laut, so dass ich mich nie recht auf mein Buch konzentrieren konnte.

Einmal, es war kurz nach der Schweizer Grenze, begann der Jüngere von den beiden von einer Bergwanderung zu erzählen: Vor einigen Jahren stieg er früh am Morgen – er habe dazu bei einem Onkel übernachtet – noch bevor die Sonne aufgegangen sei, auf den Niesen. Auf dem Gipfel war noch niemand, auch die Bergbahn fuhr noch nicht. Er hatte den Berg für sich. Bald dachte er jedoch, dass sich seine Wanderung nicht gelohnt habe, denn alles sei verhangen gewesen von dem Nebel, und weder das Stockhorn noch den Thunersee habe man gesehen; und als er da ausruhte auf einer Steinmauer, da hätte er auch irgendwo im Tal sitzen können, es wäre bei all dem Nebel aufs Selbe rausgekommen, erzählte er.

Später aber, er habe schon gefroren in seinen vom Aufstieg durchnässten Kleidern, da riss sich die Nebelbank auf, wie wenn er aus einem Tunnel gefahren wäre mit dem Zug, so saß er auf einmal in der Sonne. Und das Loch im Nebel sei genau über ihm gewesen. Er wäre ja nie einer von den Frommen gewesen, dies wisse der andere – und er meinte den Älteren – aber in diesem Augenblick sei es ihm doch so vorgekommen, als würde der Heiland auf ihn herabsehen, nur auf ihn, und als würde er ein Stück vom Himmel sehen, wie in den Bibelfilmen im Fernsehen, mit Engeln und Harfen.

Ob er denn zumindest ein Foto von diesem Himmel gemacht habe, wenn er ihn schon einmal sah und vom Heiland, hat da der andere gefragt. Und das Bier gab seiner Stimme einen ungewöhnlichen Ernst.

Nein, sagte der Jüngere, er sei damals so bewegt gewesen, es habe ihn richtiggehend geschüttelt, er habe gar nicht daran gedacht, ein Foto von diesem Himmel zu machen.

Das sei schade, sagte der Ältere.

Und zum ersten Mal seit wir von Zürich losgefahren waren, war es im Zug völlig still. Man fühlte förmlich die Ergriffenheit der beiden Berner, wie die Gelegenheit den Himmel und den Heiland zu fotografieren, ungenutzt geblieben war, und wie sich wohl eine solche Gelegenheit für sie beide niemals wieder auftun würde. In dieser Stille, kurz nach Freiburg, konnte ich meinen Roman endlich zu Ende lesen.

René Frauchiger, geboren 1981 in Madiswil, ist Autor von Kolumnen und Kurzgeschichten, sowie Gründer und Mitherausgeber des Literaturmagazins «Das Narr» (seit 2011). Heute leitet René Frauchiger den Bereich Werkstätten des Aargauer Literaturhauses und lebt in Basel. Im September 2019 erschien sein erster Roman „Riesen sind nur große Menschen“ im homunculus-Verlag, 2022 folgte „Ameisen fällt das Sprechen schwer“ bei Knapp.
René Frauchiger

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei René Frauchiger, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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