Die Erde ist rund

Gastbeiträge

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Wenn ich jetzt das Haus verlasse, die Treppe hinauf zur Deichkrone gehe und wieder hinunter und immer weiter, kann ich in den Salzwiesen zwischen den murrenden Schafen verschwinden.
Aber wie weiter?

Die Erde ist rund. Wenn ich mich auf den Weg mache, komme ich irgendwann zu den Zitronenhainen. Und irgendwann atme ich die Kräuter im Garrigue, Jasmin und den Duft der Bougainvillea. Die blutrot strahlen. Ich laufe durch Städte, die auf Korallen gebaut sind. In denen die Parkplätze aus Austernschalen gestampft sind. Auf Korsika duftet es nach Thymian, Oregano, Feigen, Majoran, nach dem Mittelmeer. Ohne Leichen.

Wenn ich lang genug laufe, komme ich wieder bei den Kohlfeldern und Schafen an. Die Erde ist rund: Gleichzeitig schneidet ein Mann eine saftige russische Tomate, salzt sie, isst, trinkt einen Wodka, legt dicke Gurkenscheiben in Schmand; und eine Christin rennt in Afrika um ihr Leben. Sie hat Hirse gepflanzt, geerntet, gekocht, Kinder geboren, die Hütte sauber gehalten, aber nun rennt sie, weil ein ihr unbekannter Kriegsherr sie zum Freiwild erklärt. Gleichzeitig füttert ein Bauer seine Schafe mit den Resten der Kohlernte und ein Bombenauto rast in Menschen, die auf dem Markt für das Abendessen einkaufen. Die runde Erde stößt sich an den Menschen und die Menschen rennen um die Kugel. Meine Kugel ist eine kleine europäische Kugel entlang den Fluchtlinien der Familiengeschichte. Andere laufen von Süd nach Nord. Von Ost nach West oder umgekehrt.

Wenn ich laufe, bin ich auf der guten Seite. Und auch meine Ururgroßeltern, die von Galizien nach Preußen und Sachsen liefen und deren Kinder waren auf der guten Seite. Ins bessere Leben liefen sie, ins neue Leben. Bis die Nationalsozialisten an die Macht gewählt wurden und aus der Lauferei zu Haus und zur Arbeit die Flucht von einem Land ins andere wurde. Die Erde war rund, aber alle Bahnhöfe waren von Deutschen besetzte Kopfbahnhöfe, auch in Burma. Da kamen die Japaner und trieben die flüchtenden Deutschen zusammen.

In meiner moralischen Kugelsicht und Lauferei war der Mehrwert zu bekämpfen und demokratischer Fortschritt gut. Barmherzigkeit und offene Türen. Für die Gnade war Gott zuständig. Meine Hoffnungen setzte ich, während ich lief, auf das Fortschreiten der Zivilisation. Aber so ist es nicht. Der Mensch zivilisiert sich immer nur für ein, zwei Generationen nach Krieg und Elend. Ohne Kriege, Mord und Totschlag können die Menschen nicht leben. Um jedes Fleckchen Erde wurde und wird bis zum Wahnsinn der vollständigen Verwüstung gekämpft. Dreißig Jahre oder zwölf oder auch hundert Jahre. Gleich, was die Ratio, das Wissen um die Umstände gebietet. Die Zivilisation bleibt auf der Strecke. Gnade, Barmherzigkeit, Liebe nicht immer.

Die Erde kugelt und ein Hitler schreit sich die Kehle heiser zum Jubel fast aller Deutschen, ein Putin reitet durch den goldenen Kreml, Donald versammelt weiße Millionäre und erklärt die Vereinigten Staaten von Amerika zu einem Familienunternehmen: Der Donaldkiosk. Herr Erdogan lässt die Hälfte der Staatsdiener verhaften. Herr Lukaschenko regiert mit Schutzweste und einer Kalaschnikow. Recht hat immer nur einer: der Autokrat. Der Diktator. Männer.

Gleich, wie lange ich dieses letzte Mal immer weiterlaufe und weil die Erde rund ist, immer wieder da ankomme, wo ich noch nicht war, der Kohl wächst, die Schafe murren leise und im Garrigue wächst wilder Thymian und duftet. Ich winke dem Bus nach, den ich verpasste, und nehme den nächsten. Die Liebe schlägt die Tür weit auf. Die sumpfliebende Trauerseeschwalbe fliegt über die Seen. Leider ist Krieg, und ich begehre nicht schuld daran zu sein.

Der Kinoeisbär schließt den Vorhang und übergibt die Tageskasse dem Bezahlbär.

J. Monika Walther stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Schlug an vielen Orten Wurzeln. Studierte, promovierte, zog los in die Welt. Kehrte zurück und wurde sesshaft im Münsterland und in den Niederlanden. Wurde 1976 Schriftstellerin, ist es bis heute. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt „Dorf – Milch und Honig sind fort“ (Geest-Verlag 2020) und „Als Queen Elizabeth II. Schnaps im Hafen von Marne trank“ (Geest-Verlag 2018).
J. Monika Walther
Geest-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei J. Monika Walther, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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