Sonja

Aus dem Alltag

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Neulich, da sah ich im Traum dein Gesicht. Gelächelt hast du und in deinen grau-grünen Augen lag immer noch mein Spiegelbild verborgen. Umarmt hab ich dich und wieder deinen Kuss geschmeckt, deine Haare gerochen. Deine Hand gespürt, wie sie in meinem Nacken liegt.
Damals, da warst du kein Traum, Sonja.

Anfangs, da haben wir gebrannt vor Verlangen und doch waren unsere Hände kalt und nass. Anfangs, da wussten wir nicht recht, wo die Zuneigung endet und die Liebe beginnt, aber unseren Lippen war der Unterschied egal. Anfangs, da stand die Scham noch im Raum, doch wir haben sie bald ausgelacht.
Siebzehn waren wir und die Zukunft kümmerte uns nicht, weil uns die Gegenwart gehörte.

Wir hatten die Leichtigkeit entdeckt, an Plänen haben wir uns gar nicht erst versucht. Das Leben lag vor uns wie eine reife Frucht und, weiß Gott, wir haben sie gekostet. Einen strahlend schönen Traum haben wir gelebt, Sonja. Nur zu träumen, das hat uns nie gereicht.

Endlos schienen die Sommer, die wir an Seeufern verbrachten, auf kleinen Kiesbänken, in winzigen Buchten, die nackten Füße im Wasser, den Blick in den Wolken. Tanzend hüpften wir von Jahreszeit zu Jahreszeit, streiften durch unsere Jugend wie unerschrockene Entdecker. Das Glück haben wir in großen Schlucken getrunken und wurden doch nie satt davon.

Dann, weißt du es noch?, hatten die Jahre Flügel bekommen, die uns schneller und schneller durchs Leben trugen, und manche Wege gingen wir allein. Anfangs, da ist uns der Alltag nicht schwer geworden, weil wir ihn leicht genommen haben, aber mit der Zeit hat er dann doch Rost angesetzt. Die Hitze liebten wir, das Laue war uns nicht genug, und am Schluss, da haben wir beide gewusst, wo die Liebe verebbt und in Zuneigung mündet.
Dreiundzwanzig waren wir, als die Vergangenheit Gewicht bekam, weil wir die Zukunft verloren hatten.

Neulich, da sah ich im Traum dein Gesicht, Sonja. Gelächelt hast du und in deinen grau-grünen Augen lag auch nach vierzig Jahren noch mein Spiegelbild verborgen. Umarmt hab ich dich und wieder deinen Kuss geschmeckt, deine Haare gerochen. Dann hast du meinen Kopf in deine Hände genommen, deine Stirn an meine gelegt.
‚Karin‘, hast du gesagt, ‚wir haben geliebt, das haben wir. Nur zu träumen, das hat uns nie gereicht.‘

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