Die mittleren Jahre

Aus dem Alltag

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Wisst ihr noch, wie es war, als ihr fünfzehn wart? Als euch Mädchen schon viel mehr interessiert haben als Fischer-Technik? Ihr aber völlig ratlos wart, wie sie auch nur ansatzweise Interesse für euch hätten zeigen können?
Bis auf ganz wenige halt.

Es war die Zeit der vielen ersten Erfahrungen. Und auch abseits der hormonellen Gewitter gab es eine Menge zu entdecken. Die Musik erschloss einem neue Welten, fremde Kulturen und dem Begabten sogar eine Fremdsprache. Es war die Zeit, in der die tiefsten Freundschaften gegründet wurden. Und Bücher konnten schlichtweg eine Offenbarung sein.
Wenn man wollte.

Kurzum: Körper und Geist waren gleichermaßen im Aufbruch, wenn auch nicht bei jedem in austariertem Maße. Die Wissbegierde war groß. Die Begierde noch größer.
Das Leben lag wie eine reife Frucht vor einem. Nur wusste man nicht so recht, wie man in sie hineinbeißen sollte.
Und vor allem nicht, wie sie schmecken würde.

Wisst ihr noch, wie es war, als ihr achtzehn oder neunzehn wart? Die Matura gerade bestanden, die Freude darüber überbordend. Eine Ausgelassenheit, die nach Körperlichkeit, Alkohol und Zigaretten geschmeckt hat.
Na ja, nach Alkohol auf jeden Fall.

Da war diese absolute Gewissheit das Richtige zu denken, das Richtige zu tun, die Welt besser verstanden zu haben als irgendjemand zuvor. Das war die Hybris der Jugend.
Da war aber auch diese Unsicherheit. Ganz tief drin gesessen in der Seele ist die. Die nagende Ungewissheit, ob man dem Neuen, noch Unvertrauten auch gewachsen sein würde. Das waren die Selbstzweifel.
Könnt ihr euch noch erinnern?

Und dann hat man sein Ding einfach gemacht und es hat einem gefallen. Meistens zumindest.

Und so ist es weitergegangen. Die Hybris ist nach ein paar Jahren verschwunden, die haben dann die noch Jüngeren gehabt. Dafür sind die Selbstzweifel geblieben. Die sind immer dann laut geworden, wenn wieder was Großes angestanden ist. Im Alltag haben sie sich gemütlich neben dem Ofen eingerollt und gepennt. Wie ein guter Wachhund eigentlich.
Nein, Selbstzweifel müssen nichts Schlechtes sein. Sie müssen nur genug Schlaf kriegen.

Mittlerweile wissen wir, wie das Leben schmeckt. Und dass es mehr als eine Geschmacksrichtung hat. Aber wisst ihr noch, wie es war, als ihr ein klares Ziel vor Augen gehabt habt, damals? Eines, das euch heute noch glücklich macht, wenn ihr daran denkt? Oder hat es das nie gegeben?

Ist es opportun, wenn sich ein Mensch in den mittleren Jahren die Frage stellt, welche Aufgabe im Leben ihn wirklich erfüllen, welche Tätigkeit seinen Talenten am ehesten gerecht werden würde? Oder ist das nur die Definition der midlife crisis?
Ich weiß es nicht. Ich gehe zu Bett.
Aber ich höre es, das leise Knurren. Gleich neben der Ofenbank.

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