Beim Urologen

Aus dem Alltag

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So ein Termin beim Urologen muss nicht viel bedeuten. Außer, dass man eine bestimmte Altersklasse erreicht hat vielleicht. Das meistens schon.
Aber Männer und Ärzte ist ja prinzipiell eine eher schwierige Kombination, da kollidiert der maskuline Stolz bald einmal mit dem Vorsorgegedanken. Ein echter Mann wird ja ohnehin nicht krank. Der schneidet sich vielleicht mit dem Rasenmäher eine Zehe ab oder verliert an der Werkbank das eine oder andere Fingerglied, was kurzfristig für einige häusliche Irritationen sorgt. Aber krank, das wird er nicht.
Glaubt er halt.

Umso problematischer wird es natürlich, wenn’s um die maskulinen Filetstücke geht. Da bleiben Skrotum, Testikel und Prostata unantastbar. Für den Urologen zumindest. Ist man aber dann doch einmal dort vorstellig geworden, zeige man keine Scheu vor dem Satz, den wahrscheinlich die wenigsten Männer hören wollen: Und jetzt bitte nach vorne beugen.

Also gut, geh ich dort halt auch mal hin. Die sagen ja, ab fünfundvierzig sollst du das auf jeden Fall machen, sonst kannst du gleich den Abdecker bestellen. Sei’s drum, ist ja keine große Sache. Pinkle ich eben in einen Plastikbecher und fülle einen Fragebogen aus, wo sie einem erst richtig klarmachen, dass man langsam in die Jahre kommt. ‚Verspüren Sie nächtlichen Harndrang?‘ Ja, scheißt der Bär in den Wald? Na klar doch, soll ich um sechs am Nachmittag mit dem Trinken aufhören? Und bei der Frage nach der Stärke deines Strahls von eins bis sieben kannst du auch nur mehr eine Zwei ankreuzen. Höchstens.
Wie demütigend.

‚Altersentsprechend‘ lautet das Schlüsselwort, das lernt man bald richtig zu schätzen. Immer wenn sie das sagen, meinen sie: mach dir nix draus, die anderen sind auch nicht besser dran. Ist ja immer eine Frage der Benchmark.
Im Wartesaal dann genug Zeit, um sich ein Bild von diesen anderen zu machen. Und die Erkenntnis zu gewinnen: den Altersschnitt senkt man beim Urologen schon noch mit Ende vierzig, das ist wie bei einem Konzert von den Rolling Stones oder der Joan Baez. Ein paar blättern gelangweilt in diversen Zeitschriften, während die meisten einfach nur dasitzen und auf irgendeinen Riss an der Wand schauen. Zwei junge Männer wetzen unruhig auf ihren Sesseln herum, die haben wahrscheinlich Probleme, die du garantiert nie haben wolltest. Und gleich neben der Tür sitzt eine Frau, weil ein Urologe hat natürlich mehr im Programm als bloß Prostata und Hodensack, der widmet sich auch Blase und Harnröhre und die hat das Kittelvolk ja auch.

Während ich so warte, denk ich mir noch: wenn die Gene was zu sagen haben, musst du dir eigentlich keine Sorgen machen. Weil mein Vater – mittlerweile stolze fünfundachtzig und grad dabei, seine dritte Arztgeneration zu verbrauchen – also der hat eine Prostata, die ist so flach wie ein vor Tagen totgefahrenes Kleintier auf der Südosttangente. Da zahlt sich’s fast nicht aus, dass der Urologe den Einweghandschuh überstreift, der könnt‘ ihm gleich ung’schaut das Pickerl aushändigen.

Als ich dann endlich an der Reihe bin, alles recht unspektakulär. Das brauchst du eh nicht, dass ein Arzt mitten in der Untersuchung anfängt von wegen: aber interessant, das hab ich jetzt schon lang nimmer gesehen. Er hat mir sogar einen Urologenwitz erzählt, aber den kann ich hier, also das geht echt nicht. Na ja, und schließlich hat er halt gesagt: ‚Und jetzt bitte nach vorne beugen.‘

Und ich muss schon sagen, ich versteh nicht, warum die Leute so ein Tamtam machen um dieses Dings. Nach einer Woche Erwerbsarbeit fällt dir das kaum mehr auf.

Übrigens: PSA-Wert auch ganz toll, wenn das irgendjemanden interessiert. Wiederbestellt in zwei Jahren.
Weil so junge Jahrgänge müssen nicht jedes Jahr zum Service.

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