Ein Mops kam in die Küche

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Ein Mops kam in die Küche, zu tun, was seit Generationen und Abergenerationen die Bestimmung von Möpsen in der Küche ist: dem Koch ein Ei zu stehlen.

Breitspurig tapsig, die Zunge aus dem Maul und blöde mit dem Kopf wackelnd hält er knopfäugig nach allen Seiten Ausschau. Kein vorschnelles Urteil sollte jedoch gefällt werden. So unbeholfen und einfältig der arme Hund nach außen hin auch in Erscheinung treten mag, in seiner Brust tobt ein Krieg. Denn sehr wohl weiß der Mops, dass es seit Generationen und Abergenerationen von Köchen deren Bestimmung ist, Möpse in der Küche mit dem Löffel entzwei zu schlagen. Und dennoch kam der Mops in die Küche, eine tief in der Seele des Mopses wurzelnde Todesverliebtheit, fast schon ein Todestrieb, hat ihn mit eisernem Griff hierher gezwungen.

Überall auf den Herden dampfen die leckersten Gerichte; die feinsten Düfte durchströmen den Raum. Der Mops jedoch ignoriert all das. Denn nirgendwo ist ein Ei zu entdecken. Zaudernd hält der Mops inne und legt die Stirn in Falten. Mit dem kühnen Herzen des Wolfs in der Brust ist er seiner Bestimmung gefolgt, in dieser Küche heldenhaft die Vorsehung zu erfüllen und mannhaft seinem Schicksal und dem Heldentod entgegen zu treten – und nun verweigert ihm die Vorsehung das Ei. Will sie ihn lächerlich machen?

Auch vom Koch, der doch all die leckeren Speisen zubereitet haben und nunmehr vor dem Anbrennen bewahren müsste, fehlt jede Spur. Wenn der Mops schon dem unausweichlichen Untergang geweiht sein soll, dann sollte es zumindest ein Untergang in Glanz und Glorie sein, mit Pauken und Trompeten. Kein Ei – kein Koch – keine wehklagenden Massen, die den tragischen Hingang unseres Helden beweinen könnten. Stirbt denn der Mops einsam, fern der Heimat, sang- und klanglos unbeachtet im Verborgenen? Ziemt solchem Heros solch jämmerliches Ende?

Eine Träne rinnt dem wackeren Mops heiß die Wange hinab. „Heraus aus Euren Löchern, Lumpengesindel!“ möchte er fordernd ausrufen, aber Möpse sind Hunde und können weder sprechen noch fordernd ausrufen. So macht er seinem Unbehagen mit empörtem Kläffen Luft, das jedoch ungehört verhallt. Vielleicht ist es auch besser so – er hat es nicht nötig, um Aufmerksamkeit für seinen furiosen Abgang zu buhlen, er nicht.

Zornschnaubend tobt der arme Mops durch die Küche, immer heftiger gerät er in Rage. Schließlich, toll vor Wut, dreht er sich in sausendem Feuerkreis nur mehr um die eigene Achse.
Kein Ei, kein Koch – kein Koch, kein Ei.

Da plötzlich hält er inne in schäumender Raserei. Sein vor Ingrimm halb schon erblindetes Auge hat im entlegensten Küchenwinkel zumindest etwas entdeckt, das der Vorsehung entgangen ist, entfallen, und das den Mops nun magnetisch herbeilockt – das Antiprinzip: Der Löffel! Aufheulend fährt der Mops in die Küchenecke, ergreift finster den Löffel und – schlägt sich selbst mitten entzwei.

Dieter Lohr. Hörbuchverleger, Schriftsteller, Dozent für Medienwissenschaft sowie Deutsch als Fremdsprache. Lebt in Regensburg. Jüngste Buchpublikation, Juli 2020 »Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.«
Dieter Lohr
LOhrBär-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Dieter Lohr, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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