SB-Filiale

Aus dem Alltag

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Also noch schnell zur Bank gehen, in die SB-Filiale, wo drei Geldausgabeautomaten stehen und vier Kontoauszugsdrucker. Auf dem Stehtisch vor der Fensterfront liegt eine leere Zigarettenschachtel, ein Kugelschreiber daneben, der in grellen Farben für ein Möbelhaus wirbt. Kalt ist es drinnen, ungewöhnlich kalt, vielleicht ist die Klimaanlage defekt, vielleicht stemmt sie sich übermotiviert dem Sommertag entgegen.
Vor dem Gebäude dröhnt ein Presslufthammer.

Eine Frau kommt auf mich zu, schaut mich an, sorgenvoll und die Stirn in Falten. ‚Hat Karte geschluckt‘, sagt sie, deutet auf den ersten Bankomaten. Man sieht ihr an, dass sie in Eile ist. Jeder ist immer in Eile, und jetzt: auch das noch. Sie seufzt, ich spende nette Worte. Die Klimaanlage brummt eine Spur lauter, kühlt unverdrossen weiter. Der Presslufthammer ist verstummt.

Sie werde bei der Hotline anrufen müssen, sage ich und schaue auf den Bankomaten, da müsse doch, wo ist sie denn, die Nummer? Da unten, erreichbar vierundzwanzig Stunden. Sie solle doch das rote Telefon benutzen, meint die ältere Dame, ich hatte sie gar nicht bemerkt. ‚Welches rote Telefon?‘, fragen wir, drehen die Köpfe, sehen alles und bemerken nichts. ‚Na das direkt hinter Ihnen‘, sagt die Dame, steckt die Kontoauszüge in ihre Handtasche und zeigt geradeaus. Wir folgen ihrem Finger, schauen an die Wand. Sehen: ein rotes Telefon.
Da läutet es.

Ich mache drei Schritte, greife zum Hörer. Hebe ab. Sage ‚Hallo?‘. Die alte Dame geht an mir vorbei, zur Tür, die sich öffnet und hinter ihr schließt. Einen Moment lang kann ich einen Pudel sehen, der sein Bein hebt und an die Hausmauer pinkelt. Dann höre ich eine Frauenstimme, leise, ich kann sie kaum verstehen. ‚Soll ich Nummer anrufen?‘, fragt die Dame, deren Karte im Bankomaten steckt und schwenkt ihr Mobiltelefon vor meinem Gesicht. Der Presslufthammer setzt wieder ein.

Ich nicke kurz und halte meinen Daumen hoch. Horche auf die Stimme, die aus dem Hörer kommt, kann sie noch immer nicht verstehen. ‚Entschuldigen Sie bitte‘, sage ich und sehe, wie die Tür aufgeht und ein alter Mann eintritt. Der Lärm des Presslufthammers flutet augenblicklich den Raum. Wer in der Leitung sei, frage ich und bedecke mit meiner linken Hand mein freies Ohr. Es sei nicht eben leise hier. Der Mann steuert auf mich zu, bleibt vor mir stehen, sieht mich an. Sagt nichts.

Horvath, meint die Frauenstimme, lauter nun als zuvor. Horvath heiße sie. Sie wirkt ruhig, aber ich kann ihre Irritation spüren. Sie räuspert sich, ein Vogel kreischt im Hintergrund. Ich schaue auf den alten Mann, lächle, deute auf die Bankomaten. Er nickt, hustet kehlig in seinen Mund-Nasen-Schutz, geht in die Richtung, in die ich zeige. Der Presslufthammer setzt zu einem Allegro spiritoso an. ‚… Linien?‘, höre ich aus dem roten Telefon. Ich presse den Hörer an mein Ohr. Was sie gerade gesagt habe, frage ich. Es täte mir leid, es sei sehr laut hier im Moment. Die Frau, deren Karte im Automaten steckt, geht auf und ab, spricht unwirsch in ihr Telefon. Der Mann steht vor den Bankomaten und kramt nach seiner Karte. Ob sie hier richtig sei, will die Stimme aus dem Hörer wissen.
Bei den Wiener Linien.

Ich drehe mich um, schaue in den kahlen Raum. Der Presslufthammer verstummt.
Ein Kind klopft an die Fensterscheibe.

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