Filterkaffee

Aus dem Alltag

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Steht sie also im Zimmer ihrer Jugendjahre, hört die Schritte, die sich nähern. Sie dreht sich um, sieht die Mutter, die durch die Tür tritt, sich an den Kopf fasst. Diese Augen, denkt sie. Sie suchen Halt und finden ihn nicht. Hast du hier geschlafen? fragt die Mutter, hält sich am Türstock fest. Nein, Mama, sagt die Tochter, öffnet eine Schublade, sieht ihr altes Geodreieck. Es ist lange her, dass ich hier geschlafen habe, sagt sie, schließt die Lade wieder. Draußen, von der Straße her, der Ruf eines Vogels, das Klingeln einer Fahrradglocke.

Aha, sagt die Mutter, runzelt die Stirn, starrt ins Leere. Die Tabletten, denkt die Tochter. Die Tabletten haben ihr die Kraft genommen. Die Rastlosigkeit und die Wahnvorstellungen, die freilich auch. Geh doch ins Wohnzimmer, Mama, sagt die Tochter. Ich komme gleich und mache Kaffee. Die Mutter lächelt. Kaffee, sagt sie. Das wäre schön. Sie dreht sich um, die Tür schließt sie nicht. Die Tochter schaut aus dem Fenster. Auf dem Birnbaum hockt eine Krähe.

Der Bruder, die Schwägerin hatten sie angerufen, zwei Wochen zuvor. Wir haben eine 24-Stunden-Pflege organisiert, hatten sie gesagt. Du musst dein altes Zimmer räumen. Sie hatte Natürlich! gesagt und genickt. Warum sie genickt hatte, wusste sie nicht.

Als sie den Vater sah, erschrak sie. Er, der immer ein kräftiger Mann gewesen war, wog keine fünfzig Kilo. Seine Arme waren dünn und kraftlos, die Beine steckten in schmutzigen Hosen. Schön, dich zu sehen, hatte er gesagt und gelächelt. Mir geht es gut, hatte er gesagt, bevor sie fragen konnte. Hinterher, dass sie dachte: wie bloß, dass man diese Frage richtig stellt? Geht das?

Sie steht in der Küche, findet die Tassen nicht, schaut zu ihren Eltern. So schön, sagt die Mutter. Rechts oben, sagt der Vater. Die Tochter lacht. Wann, fragt sie sich, dass sie zuletzt in diesem Haus gelacht hat? Die Mutter greift nach der Papierserviette, die vor ihr liegt, schiebt sie ein Stück nach rechts, sagt: So schön. Der Duft des Kaffees füllt den Raum. Filterkaffee, denkt die Tochter. Wie früher. Sie greift nach der Kanne, setzt sich an den Tisch. Schwarz? fragt sie ihre Mutter, sieht die großen Augen, die strahlen, diesen alten, vertrauten Kopf, der nickt.

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