Jade

Gastbeiträge

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Farbenexplosion in der Blumenhalle. Wasserperlen hängen in der Luft, legen sich auf meine Arme, sind indes nicht für Menschen, nur für Pflanzen gedacht. Ein angenehmer Wind streicht durch den Gang. An einem Sonntagnachmittag streune ich ziellos mit Laptop im Rucksack umher.

Der Jademarkt beginnt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die Halle ist niedriger, dunkler, drei, manchmal vier bis sechs Gänge laufen parallel, je nachdem, wie die Tische gestellt sind. Hier sind weniger Menschen unterwegs, die Händler schauen traurigleer auf ihre Korallen, Jadesteine, Tigeraugen, Bernstein, Lapislazuli, das sind jedenfalls die Steine, die ich kenne und deshalb auch nur erkenne, doch was ist gute, was schlechte Qualität? Wenn man zu viel von diesen meist grünen, manchmal auch weißen Jadesteinen sieht, sieht man gar nichts, die Unterschiede erst recht nicht, die Preise von 100 bis 100.000 NTD (ca. 3 bis 3.000 Euro) rechtfertigen sollen. Nur die dunkelgrünen mit den unregelmäßigen Maserungen gefallen mir, sind die nun wertvoll oder nicht?

Beim nächsten Besuch wage ich danach zu fragen. Eine Verkäuferin sagt mir ganz offen, wenn ich den Unterschied ohnehin nicht erkenne, tue es auch eine billige Kette. Und wenn mir die Kette gefalle, solle ich mir die Nummer über ihrem Tisch merken.

Ich komme gerne hierher: die Atmosphäre leicht verrucht, unklar das Gewerbe. Warum dreht ein Mann einen weißen Armreif so lange im Licht hin und her? Was sieht er, was ich nicht sehe? Ein Handel mit Illusionen?

Aus:
Alice Grünfelder: Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten Land, 2022, Rotpunktverlag

Alice Grünfelder, Buchhändlerlehre und Studium der Sinologie und Germanistik in Berlin und China, lange Jahre Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, unterrichtet seit 2010 Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen. Ihr Roman Wüstengängerin erschien 2018, ihr Essay Wird unser MUT langen? 2019. Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten Land erschien im März 2022.
Nominiert für den Irseer Pegasus Preis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019.
Alice Grünfelder

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Alice Grünfelder.

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