Erlösung

Aus dem Alltag

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Im Fensterglas mein Spiegelbild. Leere Augen starren mich an, sehen vielleicht einen Fremden. Wissen nicht, wie umgehen mit der Traurigkeit, die sie schauen müssen. In die sie fallen wie in einen offenen Brunnenschacht.
Ich weiß nicht, wohin mit mir, Sandra. Ob du geahnt hättest, wie sehr du fehlst? Wie leer die Welt ist ohne dich?

Deine Sachen habe ich nicht mehr. Nicht deine Kleider, deine Mäntel, deinen Schmuck. Selbst den Zettel, auf den du das kleine Herz gemalt hast, habe ich weggeworfen. Geholfen hat es nicht. Natürlich nicht.
Was hätte ein Zettel auch ändern sollen?

Ich gehe zum Couchtisch, greife zum Weinglas. Setze mich. Sitze und horche in die Stille hinein. Ich weiß, dass ich zu viel trinke. Dass mich der Alkohol träge macht und mutlos. Dass er nicht hilft, bloß tröstet. Noch tröstet er.

Ich nehme einen Schluck, dann noch einen. Stelle das Glas ab, beuge mich vor, will nachfüllen. Merke, dass die Flasche leer ist. Halte sie in der Hand, spüre ihr Gewicht. Überlege, ob ich aufstehen und die nächste öffnen soll. Bleibe sitzen.

Ich schaue auf die Katze, die neben mir schläft. Sehe, wie ihr Maul zuckt und ihr linker Hinterlauf. Will über ihren Kopf streichen, ihren Rücken, ihre Flanke. Lasse es, will sie nicht wecken. Lehne mich zurück, schließe die Augen.
Mache einen tiefen Atemzug. Mache noch einen.
Dämmere weg.

Höre:
Schritte, die durchs Stiegenhaus huschen.
Eine Tür, die ins Schloss fällt.
Das Klirren eines Schlüsselbunds.
Die Katze, wie sie murrt, von der Couch hüpft.
Dich, wie du meinen Namen flüsterst.

Ich weiß, dass ich träume. Dass du nicht neben mir sitzt. Dass du das nicht kannst, weil du tot bist, Sandra. Ich weiß das. Und kann doch deinen Arm spüren, der sich um meine Hüfte schiebt. Deinen Kopf, den du an meine Schulter legst. Kann dein Haar riechen und dein Parfum.
Ich beginne zu weinen. Weiß nicht, ob vor Glück oder Trauer. Vor beidem wohl.

Deine Finger berühren mein Gesicht, werden nass von meinen Tränen. Du siehst mich an, lächelst. Beugst dich vor, hältst deine Hand über das Weinglas. Von der Spitze deines Zeigefingers tropft eine Träne in den Wein. Meine Träne.
Du nimmst das Glas.
Trinkst.

Sagst: Lass los.

Stellst das Glas ab, schmiegst dich an mich. Atmest ruhig. Schläfst ein.
Schläfst an meiner Seite.
Lass los, denke ich.
Weine nicht mehr.
Schlafe ein, irgendwann.

Morgenlicht fällt in die Wohnung, kriecht über den Boden, spiegelt sich in der Vase, die du gekauft hast drei Wochen vor deinem Tod. Die Katze schleicht ins Zimmer, hüpft auf die Couch, drückt ihren Kopf in meine Hand. Fordert ihr Futter ein. Schnurrt. Ich streiche ihr über den Rücken, strecke mich. Stehe auf. Nehme das Weinglas, trage es in die Küche. Im Gehen erst schaue ich auf das Glas, bleibe stehen.
Sehe die Lippenstiftspuren am Glasrand.

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