Abschied
- September 01, 2026
- by
- Peter Ettl
Tonlos sagte er »fertig!« Der Mann verzog keine Miene. Der Junge ging zu Maní, umarmte ihn, sah ihm in die Augen. Seine Mundwinkel zuckten, aber er kämpfte die Tränen nieder. Der Fischer nickte nur und wandte sich ab. Jón ging zum Wagen. Während er nach kurzer, rüttelnder Fahrt eine Ebene höher gelangte, dort, wo Lava ein weites Feld ausgebreitet hatte, die Strandarkirkja in greifbarer Nähe in den Himmel ragte, drehte er sich nochmals um. Eine Krähe saß auf einem Stein, hüpfte auf den Boden und bewegte sich nickend und schwerfällig schreitend, auf den Abgrund zu. Jón wollte ihr schon etwas zurufen, sie warnen, aber dann kam ihm das Absurde der Sache in den Sinn. Ein Vogel konnte fliegen. Jón konnte es nicht.
Er sah noch mal zur Kirche mit dem rechteckigen Turm und dem spitzen, wie aufgesetzt wirkenden Dach, in der der Pastor nie erklären konnte oder wollte, was mit den Toten passiert, ob der Himmel nur eine Einbildung ist oder ein Ort, an dem man für immer verweilen und ruhen kann. Dahinter wusste er den Friedhof, wo Jahr für Jahr Gras über Björns Grab wuchs, wo weiter entfernt, über Asphalt und Schotter hinweg, der Weg dorthin führen würde, wohin er nicht mehr durfte. Das Haus würde allein bleiben, die Scheune würde allein bleiben. Ja, als er das alles sah, fühlte, roch, spürte, wehrte er sich gegen die Hand des Mannes, der ihn schließlich sanft auf den Rücksitz des Autos zog, mit dem er vom unteren Weg heraufgefahren war. Jón erkannte langsam die Situation und schlug mit der flachen Hand gegen die Seitenscheibe, als das Auto schon losgefahren war. Der Mann trat auf die Bremse, riss die Fahrertür und die hintere Tür auf, wo Jón saß.
»Jetzt ist aber Schluss. Soll ich dich vielleicht festbinden, damit du Ruhe gibst, oder was?« Es klang drohend. Er sah aus, als wollte er dem Jungen eine reinhauen. Aber seine Hand blieb unten und nur sein Gesicht sprach eine eindeutige Sprache. Nicht schreien, nicht schimpfen. Nur ruhig bleiben. Ganz ruhig und ihm in die vor Ärger rot unterlaufenen Augen sehen. Ausdruckslos, ohne Mimik, die falsch gedeutet werden könnte. Genau dies tat der Junge und der Mann hielt dem Blick nicht stand.
Endlich wurde die Tür zugeschlagen. Die Frau tuschelte mit dem Fahrer. Der sah kurz in den Rückspiegel.
»Bin ich Gefangener? Sträfling oder was? Legt ihr mich in Ketten, wenn ich nicht gehorche? Dürft ihr das überhaupt?« Jón sagte es ruhig, aber es klang sarkastisch. Die Frau bat ihren Kollegen anzuhalten. Sie stieg aus, öffnete die hintere Tür und setzte sich neben den Jungen. Sie ergriff seine Hände, drückte aber nicht zu. Es war ein eher zärtlicher Griff. Jóns Wut löste sich langsam auf.
»Ich verstehe dich ja, junger Mann. Ich würde dir lieber ganz was anderes sagen, aber es ist nun mal so, dass wir dich zurückbringen müssen. Mein Kollege meint es nicht so. Er hat halt auch nur Nerven. Und die Suche nach dir war nicht einfach. Wir mussten uns auch etliche Dinge anhören, Beleidigungen, Drohungen. Und nein, verraten, wie du es nennst, hat dich niemand. Wir haben nur alles abgesucht, was mit deiner Kindheit zu tun hatte, weil wir dich hier irgendwo vermuteten. Und das hier war unsere letzte Station. So war das. Jetzt beruhige dich bitte, es hat keinen Sinn.« Als Jón trotzig zur Seite sah, lächelte die Frau milde: »Du brauchst auch nicht auf die Türen zu schielen, die hier hinten sind gesperrt.« Er gab keine Antwort. Sie nahm nochmals seine Hände.
»Das Leben geht weiter«, sagte sie leiser. »Das alles wird Konsequenzen haben, aber das geht vorbei. Deine Pflegeeltern warten auf dich. Weißt du überhaupt, was es bedeutet, wenn ein Kind verschwindet? Wenn man als Vater oder Mutter nicht weiß, ob es noch lebt? Das ist ein grausames Gefühl! Nur weil ihr Jungs meint, alles besser zu wissen und die Erwachsenen und ihre Ratschläge verachtet.« Jóns Bockigkeit ließ nach.
»Ja«, sagte er leise zum Fenster. »Ja, ich weiß das. Ich hab das schon mal durchgemacht, so ne Schei…, so eine Sache.«
»Und warum hast du es jetzt wieder getan, wenn du doch weißt, was es bedeutet für andere und was es für Konsequenzen für dich hat?« Diese Frage ließ sich einfach nicht beantworten. In dem Jungen wütete es. Es war zwecklos zu reden. Es ging die Frau ja auch nichts an, was in ihm vorging, dem Typen neben ihr sowieso nicht. Männer, Frauen, Erwachsene, die alle glauben, sie würden platzen vor Wissen und Weisheit. Und was wissen sie über uns, was da drinnen in uns passiert? Nichts!
Später, die Frau saß längst wieder vorne, der Wagen rollte am Kleifarvatn vorbei, legte sich Jón in Embryohaltung auf den Rücksitz. Er wollte nichts mehr hören und sehen von der Welt, die an den Fenstern vorbeizog wie ein flüchtiger Gedanke. Er spürte die Blicke der Frau im Rückspiegel, aber sehen wollte er sie nicht. Wenn er der Wahrheit begegnete, die ihn schonungslos auszog, nackt machte vor allen Menschen, vor allen Argumenten, die er sich zurechtgelegt hatte, dann half nur die Flucht ins Innere. Und dort war er jetzt und richtete sich ein in seiner inneren Parallelwelt. In Jóns Welt.
Die Fahrt ging weiter. Jón fühlte nicht, dass er etwas verloren hatte, das ihm gehörte. Es war eher so, dass er etwas verließ, das ihn ohne Besitz aufgenommen hatte. Als das Auto endgültig hielt, mussten sie ihn zu zweit vom Rücksitz holen. Er wehrte sich nicht. Nicht mehr. Aber er machte auch keine Anstalten, den Behördenleuten zu helfen und ließ sich ins Haus tragen. Die Frau sagte, sie müsse im Heimbüro irgendwelche Formalitäten erledigen. Wahrscheinlich heften sie ihr gerade einen Orden auf die Brust und händigen ihr das Kopfgeld aus. Das Kopfgeld für die Ergreifung eines kopflosen Jungen.
Der Mann rief zwei Betreuer. Jón hatte die Augen geschlossen und sah nicht, wer ihn ins Heim trug, ein fast lebloses Bündel, ein Draugr1Nord. Mythologie: Wiedergänger aus dem Heim der Totengöttin Hel..
Aus:
Peter Ettl: Feuerregen, Silver Horse Edition, 2026
Peter Ettl, *1954 in Regensburg, lebt in Marklkofen (Niederbayern). Über 50 Buchveröffentlichungen, zuletzt „Lavalicht“ (Island-Roman), 2024, „Schneescherben“, Lyrik, 2023, „Im Reich der gefrorenen Zeit“ (Literarische und fotografische Begegnungen mit Island), 2023. Zahlreiche Beiträge in Anthologien, Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk. U.a. Kulturförderpreis seiner Heimatstadt Regensburg und Kulturförderpreis Ostbayern.
Im Mai 2025 ist der Nachfolgeroman von „Lavalicht“ bei Silver Horse Edition erschienen: Insel der tanzenden Berge.
Peter Ettl
Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Peter Ettl.



