Wege, getrennte
- Juli 17, 2026
- by
- Manfred Lipp
Das Haus kennt mich nicht mehr. Dreimal schon bin ich am Zaun entlanggegangen, habe meine Schritte verlangsamt, zu den Fenstern im Obergeschoß geschaut und zur Terrassentür, die geschlossen ist. Jedes Mal habe ich überlegt, stehen zu bleiben, habe es sein lassen, war zu feige. Es ist nicht mehr mein Haus, sage ich mir. Ich käme mir wie ein Gaffer vor. Wie einer, der fremdem Gut nachstellt. Ich atme tief ein, sehe zu Boden, trete nach einem Kiesel, der auf dem Fußweg liegt. Als ich aufsehe, stehe ich vor dem Gartentor. Ich schnalze mit der Zunge, schaue, über den Lavendel, die Katzenminze und den Salbei, zur Terrassentür hin. Lange nicht gesehen, sagt das Haus. Ich senke den Kopf, fühle Scham, frage mich: warum? Ja, es ist ein paar Monate her, antworte ich. Und, nach einer kurzen Pause: wie kommst du zurecht? Die Neuen sind in Ordnung, sagt das Haus. Es klingt ein wenig distanziert, finde ich. Dann schweigen wir eine Weile, ich finde sie weder kurz noch lang. Ich hatte gedacht, sage ich endlich, ich hätte tausend Fragen, und doch fällt mir keine ein. Das Haus schweigt; was sollte es auch antworten auf eine Frage, die keine war? Wir vermissen dich, sage ich und berühre den Wilden Wein, der am Zaun wächst. Es ist, wie es ist, sagt das Haus, und ich bilde mir ein, eine Sanftheit in seiner Stimme zu hören, die stets nur mir gegolten hatte.
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