Man reiche mir die Feder oder: Der herbe Duft der Unterwelt

Aus dem Alltag

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So etwas habe er schon seit Jahren nicht mehr gesehen, meint er erstaunt. Das wirkt durchaus beunruhigend. Man hört diese Sätze nicht gern, sie künden von nahendem Unheil wie ein dumpfes Donnergrollen am Firmament oder ein bevorstehendes Treffen eines FPÖ-Politikers mit einer vermeintlichen russischen Oligarchin. Es stinkt, und zwar gewaltig. ‚Zumindest wissen wir jetzt, woher der üble Geruch im Keller kommt‘, werfe ich ernüchtert ein und breche damit das unausgesprochene Schweigegebot, das uns das Staunen brüsk auferlegt hatte. ‚Ich geh dann eine Schaufel holen‘, sage ich, löse mich vom wenig pittoresken Anblick, den der offene Kanalschacht bietet, und stapfe mutlos Richtung Gartenhütte.
Lasse Doris und den Installateur zurück, die weiter in die Grube starren, bass erstaunt, ungläubig, fassungslos, als hätten wir auf unserer Terrasse soeben ein mykenisches Schachtgrab freigelegt. Und doch sehen sie bloß in ein Loch, das bis zum Anschlag mit schillernd duftenden Fäkalien gefüllt ist.

‚Vielleicht sollten wir heute den Kompost ausbringen‘, sagt Doris arglos in den Raum hinein. Sie tut das vier Stunden zuvor, als sie mit leichter Hand die Sonntagszeitung beiseite legt und ich den letzten Schluck Kaffee in mich hineinstürze. Und recht hat sie, es müffelt seit geraumer Zeit ein wenig, der kleine Keller, er hüllt sich neuerdings in herben Charme. Kaum einen Meter hoch, bietet er nur mäßig Raum, doch für Pflanzerde, Rasendünger und Arachnaphobie jeglichen Ausmaßes reicht’s allemal. Wir hoffen beide, dass feucht gewordener Gartenkompost den würzigen Geruch verströmt, tippen insgeheim aber auf ein vor Wochen verendetes Kleintier. Wir liegen falsch, mit beidem. Und knien alsbald vor einer fröhlich sprudelnden Quelle, die da gewiss nicht hingehört.
Und diese Quelle, sie riecht ein wenig eigen.

Ich kann nicht glauben, was ich sehe und vergesse für einen Moment die vertikale Dimension des Kellers. Richte mich auf, stoße meinen Rücken donnernd an der Decke und sehe für den Rest der Woche aus wie ein optisch arg missratenes Streifenhörnchen. Ich fluche beherzt. Dann greifen wir zum Telefon, benachrichtigen die Versicherung und rufen einen Installateur.

Still stehen wir und staunen. Eine prall gefüllte Jauchegrube liegt dort, wo wir einen leeren, trockenen Kanalschacht vermutet hätten. Cloaca maxima, quasi. An der Oberfläche arg verdickt, regt sich manches wirbellose Tier in allerbestem Wurmkompost, doch Gärtnerfreude will sich partout nicht einstellen. ‚Ich geh dann eine Schaufel holen‘, sage ich also und stapfe Richtung Gartenhütte.
‚Ich fang mal an, mir macht das nichts‘, werfe ich sogleich unerschrocken ein und stoße den Spaten beherzt in die Grube. Der würzige Geruch überreifer Extremente flutet augenblicklich meine Nase. Mir wird schlecht. Ich trete einen Schritt zurück, lege die Schaufel beiseite und kämpfe konzentriert gegen üblen Brechreiz an.
Es ist kein Zeichen guter Sitten, einem Handwerker erst eine Jauchegrube vorzusetzen und ihm danach noch auf den Fuß zu speien.

Als das Gröbste aus der Grube ist, kommt ein Gerät zum Einsatz, das der Fachmann ‚Feder‘ nennt. Ich werte das als Euphemismus. Während die Feder mit metallischer Härte und festem Rhythmus auf die Natursteinplatten schlägt und sie mit einem feinen Film aus Exkrementen imprägniert, frisst sich das grobe Ding durch den verstopften Abfluss. Mittlerweile hat sich der Nachbar zu uns gesellt, steht entspannt am Gartenzaun und spendet Trost und gute Worte. Ich schaue zu Boden, auf den riesigen, beinah zentnerschweren Deckel aus Beton, der neben dem offenen Schacht liegt, und just in diesem Moment fängt sich die rotierende Feder im Schnürsenkel meines rechten Schuhs und zurrt den Knoten derart fest, dagegen war der gordische für blutige Anfänger. Dann zerrt sie mich in Richtung Grube, die ist bloß einen halben Meter weg von mir, ich mag dort nicht hinein.

Ich rufe ‚Stopp!‘, ein wenig Panik mag da mitgeschwungen haben. Der Installateur, ein braver Mann und viel gewohnt, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Zu zweit versuchen wir, den Knoten zu lösen, und scheitern auch gemeinsam. Ich rufe ‚Doris, a Scher‘, g’schwind!‘, weil sie grad irgendwo im Haus zugange ist. Unser Nachbar flüchtet in die hinterste Ecke seines Gartens, weil ihn ein Lachkrampf schüttelt. Der Installateur löst im Alleingang den Knoten, weil er jetzt endlich Ruhe hat und niemand ihm dazwischenfummelt.
Ich nehme meinen rechten Schuh, stapfe stumm ins Haus und hole meine alten Gartenschlapfen.

‚Ich glaub, es wird schon weniger‘, meint der Installateur kaum eine Viertelstunde später. ‚Liegt das nicht daran, dass wir das ganze Zeug verspritzen?‘, werfe ich ein und weise auf die Terrasse, derem neuen Design in diversen Brauntönen ich nur wenig abgewinnen kann. Er schaut kurz auf und sieht mich an wie ein Uhu ein Rebhuhn. Dann muss er lachen.
Doch er hat recht. Der Pegelstand, er sinkt tatsächlich.

Ein Tagpfauenauge flattert schlingernd über uns hinweg, als wir die Sessel unter dem Tisch auf der großen Terrasse hervorziehen und erschöpft Platz nehmen. Kaffee duftet schwarz aus weißen Tassen und eine Amsel trillert stolz ein frohes Lied vom Giebel eines Nachbarhauses. Der Installateur stellt eine Rechnung aus, die dieser Arbeit würdig ist, atmet tief durch und meint: ‚Darf ich Sie fragen, was Sie beruflich machen? Nichts Handwerkliches, oder?‘
Ich kann ihn umstandslos beruhigen.

Es ist später Abend, als ich noch einmal nach draußen gehe. Die Kellertüre schließe, das Gartentor versperre. Den schönen Wuchs der Glockenblumen bewundere, die nur noch wenige Blüten tragen, den Hopfen bestaune, der bald reif zur Ernte ist. Und mit einem finsteren Mal habe ich ihn wieder in der Nase, den strengen Duft der Unterwelt. Dieser Geruch, ich werde ihn wohl eine Weile nicht mehr los, er wohnt ab jetzt in meinem limbischen System. Und hat dort lebenslanges Bleiberecht.

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