Namensgedächtnis

Gastbeiträge

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Deren Lächeln ein Wirkungstreffer war, eines jener Gardemädchen, die doch alle gleich aussahen, ein Quecksilber, das sich nicht einfangen ließ, sich herauswand aus jeder Umarmung. Oder der Wirt mit dem beginnenden Alterszittern, der damals, beim Antritt deiner ersten Aushilfsstelle, meinte: erst wenn man auf dem weißen Tischtuch ein Rotweinglas umstoßend sich und den Gast getauft habe, sei man ein richtiger Kellner.

Daneben seine Spülkraft, Halbwaise ohne Schulabschluß und Mofafahrer, an der Theke spätnachts nach Dienstschluß betonend, sich das Schlagzeugspielen selbst beigebracht zu haben. Und erinnerst du dich auch an diese Malerin, die einmal aufseufzte am Tisch, was aus all den Bildern werden solle, wohin mit den ganzen Konvoluten, daß sie am liebsten nur noch Auftragsarbeiten mache, die aber immer weniger werden, und sie angefangen habe, die frühen Bilder zu übermalen, Abgabetermine verstreichen lasse, die ersten Skizzenmappen, um Platz zu schaffen, ins Altpapier werfe. Und sie, Frau Frohnatur, Leidensgenossin meines Vaters, die doch vorgestern erst mir zugewandt meinte: Sechzig, junger Mann, ist die Jugend des Alters.

Um so, wieder weiter zurück, dort aufzutauchen, wo ich wegen einem Blinddarmreiz eine Nacht zur Überwachung im Krankenhaus lag, dieser Bettnachbar, ungefähr siebenmal so alt, der vor sich hinmurmelte, daß wenn er ein Mädchen geworden wäre, er entweder lebenslang Brunhild geheißen hätte oder gar Irmentraut. Ebenso aus dieser Zeit der Nachbarsjunge, der mit seinem schiefen Mund, selbst wenn niemand mitspielte, stotternd ausrief: Kaiser, wie tief ist das Wasser, Fischer, wieviel Schritte darf ich gehen. Und dann noch jener Libero mit seiner Handvoll Länderspielen, jener Kindheitslibero an unserer Zimmerwand, wegen dem wir in der Vereinsbettwäsche träumten, der seit dem neunten Lebensjahr bloß noch sein linkes Auge gehabt hatte, das ihm aber gänzlich ausreichte zur Spielübersicht. Wie hießen sie alle noch einmal, wo nur sind ihre Namen hin.

Walle (Walter-Hermann) Sayer, 1960 geboren. Kindheit und Jugend im Schatten des 1478 erbauten und 60 Meter hohen Bierlinger Kirchturmes, der mit seiner Höhe „ein Veto ragt ins amtierende Licht“. Lebt und schreibt in Horb am Neckar. Veröffentlicht seit 1984 Gedichte und Prosa. Verschiedene Auszeichnungen, zuletzt: Basler Lyrikpreis 2017 sowie Gerlinger Lyrikpreis 2018; 2020/2021 erhielt er ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds.
Zuletzt erschienen: „Nichts, nur“, ein Auswahlband, 2021, „Mitbringsel“, Gedichte, 2019 und „Was in die Streichholzschachtel paßte“, Feinarbeiten, 2016.
Walle Sayer bei Literaturport
Nichts, nur – Kröner Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Walle Sayer, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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