Pionier
- Mai 22, 2026
- by
- Manfred Lipp
Niemand wusste, weshalb Johann G. jenes Posting schrieb, das ihn aus den Schatten der Anonymität riss. Weder seine Eltern, mit denen er im selben Haus lebte, noch den engen Freunden war, wie jedermann lebhaft beteuerte, je aufgefallen, dass er zu verbotenem Gedankengut neige. Man zöge – es musste im Sinne des Beschuldigten, der zweifellos ein Un-Schuldiger war, betont werden – auch ernsthaft in Zweifel, dass besagtes Posting tatsächlich aus seiner Hand stammte. Man wusste ja, wie ungewiss es im Reich des Digitalen zuging, wie wenig man ihm trauen konnte. Im Übrigen wies man darauf hin, dass es keineswegs zu einer Tat gekommen wäre, schon gar nicht zu einer, die Gewalt verherrlichte oder eine Zeit, die längst hinter dem Horizont der Geschichte verschwunden war. Man könne, fügte man in den Befragungen, die mit großer Sorgfalt und in Einzelgesprächen durchgeführt wurden, wiederholt und unter feierlichem Gebaren an, getrost dem eigenen Urteil vertrauen. Man hege aufrechte Gesinnung und trage das Herz durchaus am rechten Fleck. Niemand also wusste, weshalb Johann G. jenes Posting schrieb, das ihn aus den Schatten der Anonymität riss und ihm, da es zu einer Zeit geschah, die den großen Umbrüchen unmittelbar voranging, die Wertschätzung und den Respekt der vielen sicherte, die für die Gegenwart nur Verachtung hegten.



