Something

Gastbeiträge

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Es war einer dieser frühen Herbsttage, an denen ein goldener Schimmer in den Kronen der Bäume hängt und der Himmel von unergründlichem Blau ist. Heinrich hatte sich eben die Zähne geputzt und war auf den Schlafzimmerbalkon hinausgetreten, um einen Blick auf seine Dahlien zu werfen. Er bevorzugte Ball- und Pompondahlien, wobei er auch ein paar Kaktusdahlien besass, die er in einer getrennten Kiste überwinterte. Doch sie erfüllten seine Erwartungen nie, wirkten stets etwas verlebt. Eine Verschiebung am Rand seines Blickfelds ließ Heinrich aufmerken. Er schaute über die Ligusterhecke, und da sah er sie: klein, anmutig, unauffällig im Grunde, aber die Art, wie sie sich bewegte –

Einige Monate zuvor hatten die Stehles ihr Haus nebenan verkauft, und in den letzten Tagen hatte eine Umzugsfirma eine unfassbare Anzahl von Bücherkisten geliefert, was wenig Gutes verhieß für die Zukunft des Nachbargrundstücks, Hundsrosen, Immergrün, Wildrasen womöglich. Heinrichs Augen hingen an ihr. Sie hielt inne, wandte sich um. An diesem Abend, nachdem er gegessen, seinen Teller gespült und abgetrocknet hatte, füllte er sein Weinglas auf und öffnete den Musikschrank. Er fand den Umschlag sofort, die Scheibe mit dem Apfel, 1969, Mfd. in U.K. Er hob den Deckel des Plattenspielers, kippte den Schalter auf 45rpm, legte die Nadel auf, ein Knistern –

Ihr Kleid war mit Sonnenblumen bedruckt gewesen, wie es damals Mode war. Sie trug ein Haarband aus dem gleichen Stoff, und über ihr rötliches Haar glitten helle Flecken von der Spiegelkugel, die sich an der Decke drehte, auch über ihre Arme, ihre Beine. Die Sonnenblumen reichten nur bis Mitte Oberschenkel, und die Art, wie sie sich bewegte. You’re asking me. Er war sechzehn, und sie lächelte spöttisch, als er fragte, ob sie mit ihm tanzen würde. Sie war mindestens achtzehn. Ob er die Beatles möge, wollte sie wissen, während sie ihren Körper vor ihm wiegte. I don‘t know, I don‘t know. Dann kam eine langsame Nummer. Sie wandte sich ab und schlang ihre Arme um den Bärtigen hinter ihr. Heinrich wartete am Ausgang der Disco. Wieder lächelte sie, als sie ihn bemerkte. Wie er heisse, wollte sie wissen, während sie sich das Sonnenblumenband aus den roten Haaren zog. Heinrich zögerte. «Henry», sagte er, doch da stand der Bärtige schon neben ihr.

Heinrich trat früher auf den Balkon am folgenden Morgen und musste eine Weile warten, bis sie hinter der Ligusterhecke erschien, zielstrebig und doch so behutsam. Eine Wärme stieg in ihm auf, während er ihre rundlich pralle Form betrachtete. Mit einem verspielten Schlenkern verschwand sie hinter dem Gartenhäuschen. I don‘t want to leave her now.

In den Tagen darauf richtete Heinrich sich im Schlafzimmer ein. Er schob das Bett zurück, rückte den Schreibtisch vor die Balkontüre, so dass er sie jeden Augenblick sehen konnte. Gertrud hieß sie, er hörte wie jemand auf dem Sitzplatz des Nachbarhauses ihren Namen sagte. Gertrud. All I have to do is think of her.

An dem Nachmittag, an dem es klingelte, war Gertrud gerade vor dem Hibiskus stehen geblieben, den Frau Stehle vor vielen Jahren auf seinen Rat hin gepflanzt hatte. Heinrich überlegte, ob er das Klingeln überhören sollte, gewiss würde sie sich gleich zu ihm umdrehen. Aber vielleicht waren es die Blumenzwiebeln, die er bestellt hatte. Kelvin Floodlight, Golden Girl, Yellow Climax, gelb passte zu Gertrud. Something in her style. Die neuen Nachbarn standen vor der Tür, die Bücherbesitzer. Sie wollten sich vorstellen, sagten sie. Eveline und Christian hießen sie, wenn es ihm recht sei, dass sie sich gleich duzten. Heinrich zögerte. Das Paar war nicht viel jünger als er. Die Frau lächelte. «Henry», sagte er und drückte ihre ausgestreckte Hand.

Später überlegte Heinrich, ob er Eveline und Christian hätte ins Haus bitten sollen. Er hätte ihnen einen Kräutertee anbieten müssen, Haferkekse. Aber in dem Moment wollte er nur ins Schlafzimmer zurück. Der Herbstwind hatte begonnen, seine Dahlienblätter über die Ligusterhecke zu wehen, und ab und zu hob Gertrud eines davon auf, gewissenhaft und doch so zärtlich. Er machte sich keine Illusionen, mit jedem Tag kam die Dämmerung früher, und Gertrud verschwand schneller. Sobald er sicher war, dass sie nicht noch in irgendeinem Winkel des Gartens beschäftigt war, verließ er seinen Schreibtisch, und wenn er zu Abend gegessen, seinen Teller gespült und abgetrocknet hatte, füllte er sein Weinglas auf. Natürlich hatte es andere gegeben, Mitstudentinnen, Kolleginnen, Blumenzwiebellieferantinnen, doch seine Gedanken kehrten immer wieder zu Gertrud zurück, wie sie nun, rundlich, reglos unter dem Vordach des Gartenhäuschens ruhte, dort wo ihre Ladestation sein musste. Heinrich öffnete den Plattenspieler, legte die Nadel auf. Something in the way she moves attracts me like no other lover …

Gabrielle Alioth wurde 1955 in Basel geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg und war als Konjunkturforscherin tätig. Seit 1984 lebt sie als Schriftstellerin in Irland. Neben Romanen publiziert sie Kinder-, Reise- und Sachbücher sowie Lyrik auf Englisch, arbeitet journalistisch und unterrichtet an der Hochschule Luzern.
Gabrielle Alioth

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Gabrielle Alioth, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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