Sonntags

Gastbeiträge

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Kein Mensch ist zu sehen. Kein Kind, auch kein pissender Hund. Weit und breit nicht. Die Autos sind geputzt. Die rostigen Garagentore zugeknallt. Ölflecken glänzen in den Hinterhöfen. Und schmierige Wasserlachen mit weißen Schaumkrönchen. Die Katzen liegen in den Fenstern, recken sich schläfrig oder reißen mit ihren Krallen Löcher in die zigarettengelblich schimmernden Gardinen. Der Lärm von den Autobahnkreuzen und Ringstraßen rauscht gleichmäßig und leise.

Kein Mensch schleppt heute den eigenen Tag weg. Heute bleibt die Arbeit liegen. Heute haben alle ein paar Stunden frei für Abenteuer. Und weil die Arbeit liegen bleibt und niemand den Tag zur Arbeit schleppt, weiß für ein paar Stunden keine Frau, kein Mann und die Kinder auch nicht, wer sie sind. Und was sie im Leben darstellen sollen, und was ihnen misslingt. Seit Jahren misslingt. Immer schon. Von klein auf ist so vieles schief gelaufen. Immer anders als geplant. Aber auch am Sonntag ist die Angst da, dass man sein kleines Leben im Viertel verliert. Die Frau davonläuft, der Mann die Arbeit verliert, die Kinder auf alle schiefen Bahnen geraten. Besser ist es, nicht zu denken, wenigstens nicht zu viel. Ruhig zu bleiben. Wie spät ist es? Heute ist Zeit.

Die Angst ist im Viertel, seit Wohnungen gekündigt und die alten Häuser aus der Kaiserzeit renoviert werden. Seit fremde Leute in die schönen neuen Wohnungen mit Bädern, Parkett und Dunstabzugshauben einziehen. Studierte wie ich. Banker. Lehrerinnen. Die Angst ist in der Straße, seit die erste der sieben Kneipen in ein feines Restaurant umgebaut wurde. Im Figaro gibt es rosa Stoffservietten, hochkant auf die Teller gestellt, und Lammrücken provenzalisch. Und alle Gäste bekommen mit der Rechnung einen Drink serviert, einen Mafioso. Der schmeckt nach mehr.
Seit die Angst in der Straße ist, gibt es Schlägereien und in den Hinterzimmern der Kneipen und Trinkhallen sitzen schmuddelige Geldeintreiber. Sie drohen und kassieren: kleine Summen, aber zu viel für die Wirtinnen, Ladenbesitzer und Pächter. Viel zu viel für die kleinen Leben.

Wie spät ist es? Schnell noch den eigenen Namen vergessen und dann feiere ich den Sonntag mit den anderen in der Straße. Die sind alle schon da und warten auf die, die fehlen. Wo ist die denn? Die hat doch einen Deckel bei Rosi stehen. Und wo ist der Walter? Der hat immer Durst. Und Maria? Ach, die streitet wieder mit ihrer Mutter. Der ganze Sonntag ist ein Kneipengang. Und wir sind alle dabei. Ralf, der Vertreter, der in der Woche nie die Aufträge bekommen hatte, von denen er am Sonntag erzählt. Frank, der wohnungslose Möbelpacker. „Sag ich doch“, sagt er nach jedem Satz. Und: „Lieber Herein, so ist das Leben. Da kannste nix machen.“ Gerhard, der gut verdienende Banker genauso wie der sehnsüchtige Stiletto, mit bürgerlichem Namen Karlheinz, geschieden, immer betrunken. „Wer bin ich denn?“ fragt er immer wieder. „Der letzte Dreck“ antwortet er und grinst, als wäre er heimlich ein ganz anderer, toller Mann. Und das war er ja auch einmal: ein gut verdienender Gemüseauktionator in der Großmarkthalle. Jetzt schimpft er über die feinen Pinkel: „Die kommen auch noch unten an. Und dann wird es mir eine Ehre sein, sie in der Hölle zu begrüßen.“ Breit und herzlich lacht er.

Geld stecke ich noch ein. Dann gehe ich schräg über die zugeparkte Straße. Stoßstange an Stoßstange. Wie spät ist es? Hier im Viertel läuten keine Glocken. Kein Angelusbimmeln und in die Kirche geht niemand. Auch nicht die alten Frauen. Die sitzen an den Fenstern mit ihren Männern. Die warten darauf, dass irgendwas passiert Ein Unglück. Ein Geschrei. Ich gehe zuerst ins Basalteck. Alle sind da. Das trinkende Archäologenpaar, Maria, Ralf, der Banker. Alle. Sie flippern, knobeln, werfen Geld in den automatischen Wegelagerer. Jubeln und Runden, wenn er von der Beute Münzen abgibt.
Lina, die Wirtin, die erste Italienerin mit einer Kneipe in der westdeutschen Republik, stellt Hackbällchen auf den Tresen, lässt sich zu einem Calvados einladen, lacht. Ein schöner Sonntag, alle sind da. Alle erzählen ihre Geschichten, sagen die gelernten Sätze, alle sind glücklich unglücklich.

„Spielst du?“, werde ich gefragt. „Ja“, sage ich wider meinen Willen. Die beiden Männer reiben sich die Hände. Sie wissen, ich spiele mal so und mal so, kein Verlass drauf. Ich habe Glück und gewinne. Ich bekomme einen ausgegeben. Als ich auch in der nächsten und übernächsten Runde Flippern nicht verliere und mit einer Million Punkte den Astronauten in der knallroten Kugel dazu bringe, blechern zu lachen, da gehen die beiden Männer schimpfend weg. Lina blinzelt mir zu: „Gut gespielt“ und spendiert mir einen Calvados. Und ich bestelle für Maria einen Wein. „Das fängt gut für dich an“, sagt sie. „Du hast Glück, und ich nicht.“

Ich gehe, sage: „Bis später.“ „Wo gehst du hin? Du kommst doch wieder?“ Ja sicher komme ich wieder. Wo sollte ich denn hin mit meinem leeren Kopf und meinen Träumen, die für zwei Leben und die ganze ausgewanderte Verwandtschaft reichen. Wie kann ich mit diesem leeren Kopf herausfinden, wer ich bin und wo ich hingehöre? Ich lebe der Uhr hinterher, sage mir nicht guten Tag, nehme mir alles vor und halte nichts. Die Welt wird alt. Alles meinetwegen.

Ich gehe durch von Kneipe zu Kneipe, alle treffen sich immer wieder. Ich spiele, verliere, gewinne, trinke. Lande wieder im Basalteck und bei Lina. „Ja, wovon träumst du?“, fragt mich Frank, der Möbelpacker, immer wieder. Es ist fast ein Uhr. Die Wirtin stellt das Licht niedriger. Jetzt beginnt ihr Sonntag. Sie erzählt, wie alles werden soll. Besser und schöner. Um zwei Uhr gehe ich nach Hause. Ich schaue in die beleuchteten Fenster der Straße. Im Haus gegenüber sitzt ein nackter Mann mit zwei Frauen. Er winkt. Ich winke zurück. Die Frauen machen mir eine lange Nase. Ich setze mich auf den Balkon. Von oben höre ich türkische Lieder, leise gesungen. Unter mir diskutiert ein angehender Anwalt mit seiner Freundin. Der Hinterhof ist so groß wie vier Straßenzüge. Es ist Flüstern, Streiten und Juchzen in der Luft. Vor den Garagen stehen rauchende Männer. Auf einem Garagendach sitzt ein junges Paar. Sie haben vergessen, dass von den Balkonen die Leute auf sie herunterschauen. Auf der anderen Seite des Hofes stellt eine Frau einen Plattenspieler ins Fenster. Ich höre ein Rauschen. Dann die Callas. La Traviata.
Wo bin ich?

J. Monika Walther stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Schlug an vielen Orten Wurzeln. Studierte, promovierte, zog los in die Welt. Kehrte zurück und wurde sesshaft im Münsterland und in den Niederlanden. Wurde 1976 Schriftstellerin, ist es bis heute. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt „Dorf – Milch und Honig sind fort“ (Geest-Verlag 2020) und „Als Queen Elizabeth II. Schnaps im Hafen von Marne trank“ (Geest-Verlag 2018).
J. Monika Walther
Geest-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei J. Monika Walther, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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