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Aus dem Alltag

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‚Das‘, sage ich und drücke den Dübel ins Loch, ‚müsste halten‘. Ich lege die Bohrmaschine beiseite und drehe die beiden Schrauben in die Dübel. ‚Wieso kannst du sowas?‘, fragt mich mein Enkel und starrt gelangweilt auf das Spiralbohrer-Set in seiner rechten Hand. Es scheint ihn nicht recht zu begeistern. ‚Die Frage ist wohl eher‘, sage ich, während ich vom Hocker steige und den Spiegelschrank von seiner Verpackung befreie, ‚warum du das nicht kannst‘.
Tobias erhält eine WhatsApp-Nachricht.

‚Jetzt hilf mir bitte, das Ding ist nicht gerade leicht‘, sage ich etwas kurzatmig und vielleicht auch eine Spur lauter, als es sich für eine Bitte gehören würde. Aber wahrscheinlich könnte er mich sonst gar nicht hören, es ist der virtuelle Raum ja viel größer als mein Badezimmer. ‚Entschuldige, Oma‘, meint er, schaut kurz von seinem Smartphone auf und sieht mich gebückt über dem Spiegelschrank hängen, der mir schon ein wenig schwer wird. ‚Bin gleich bei dir‘, sagt er und hämmert noch schnell ein paar Wörter auf das Display, bevor er zufrieden auf ’senden‘ drückt. Ich überlege, welche meiner Bandscheiben gleich Feierabend machen wird. ‚War wichtig‘, sagt Tobias und strahlt mich fröhlich an. ‚Was soll ich tun?‘

Ich sehe ein, dass er beim Dispositiven keine große Hilfe sein wird und frage mich, ob sie die Werkerziehung vielleicht schon vor Jahrzehnten irgendeinem projektbezogenen Unterricht geopfert haben. ‚Wir müssen das Ding da an die Wand bringen‘, flüstere ich und atme ein wenig flacher, als es wahrscheinlich gesund wäre. ‚Einfach anpacken, Tobias, und heben.‘ Ich versuche, die Informationen in auch von Laien verarbeitbare Einheiten herunterzubrechen und komme mir vor, als würde ich eine Twitter-Meldung verfassen. ‚Wo soll ich denn angreifen?‘, fragt er und reibt sich unschlüssig die Hände. ‚Herrschaftszeiten‘, sage ich, eine Spur zu laut vielleicht und ganz sicher unbeherrschter, als es sich für eine Bitte gehören würde.
‚Unten‘, sage ich und spüre, wie mir ein Äderchen im Auge platzt.

‚War’s das?‘, fragt Tobias und greift ungeduldig nach seinem Mobiltelefon, weil er schon drei WhatsApp-Nachrichten verpasst hat. Er wirkt ein wenig unglücklich. Ich verstaue zufrieden die Wasserwaage und deute auf die Steckdose und die Spiegelleuchte. Er runzelt die Stirn und sieht mich an, als hätte er noch nie von Elektrizität gehört. ‚Und die beiden Türen sollten wir auch montieren. Da sind die Spiegel dran.‘
Tobias seufzt.

‚Ich muss mal aufs Klo‘, meint er und mir ist klar, dass er die Weite des virtuellen Raums in den engen Grenzen meiner Toilette suchen will. ‚Natürlich‘, sage ich und schließe in der Zwischenzeit Licht und Steckdose an, räume den Bohrer weg und mache mir eine Tasse Tee.

‚Wäre schön, wenn du mir bei den Türen noch helfen könntest‘, meine ich und sehe, wie er zuerst auf die brennende Leuchte sieht und dann auf mich. Wahrscheinlich hält er mich jetzt für eine Schamanin, denke ich mir und verabschiede mich endgültig von dem Gedanken, dass die Evolution beständig an ihren Werken feilt. ‚Mach ich gern‘, sagt Tobias und steckt seine Hände in die Hosentaschen. ‚Aber öde ist diese Heimwerkerei schon, können wir nicht mal eine Pause machen?‘

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