Vermisstenanzeige

Gastbeiträge

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Bei Zusammenkünften, den runden Geburtstagen, bei Klassentreffen, Jahrgangsfeiern. Wenn jedesmal wieder einer mehr aus der Runde fehlte. Gerade eben war er doch mit auf dem Gruppenbild, dann schob er schon am Rand der Landstraße sein verdurstendes Moped, hatte es nicht eilig heimzukommen, und kam nicht mehr heim.

Selbst in einer Zweizimmerwohnung konnte man sich verlaufen, sich rettungslos verirren auf dem Weg vom Bett zum Tisch zum Fenster. Versumpfen und verschüttgehen in der letzten Dorfgaststätte am Ort, die bloß an einem einzigen Tag im Jahr noch geöffnet hatte, um so wenigstens die Schanklizenz zu behalten. All die Väter, die mit ihrer Sonntagsmüdigkeit nicht mehr zurückkehrten von einem Tagesausflug nach Tripsdrill. Oder doch nur kurz das angelassene Kellerlicht hatten ausmachen wollen, im Schüttelsturm einer Schneekugel verlorengingen, in der Ferne kleiner und kleiner wurden, bis sie im Punkt ihres Krawattenknotens verschwanden.

Und jene, die schon als Kind für immer in diesem Foto erstarrten, auf dem sie, um sie nicht mehr loszulassen, krampfhaft die Hand der Mutter haltend fremdelten vor dem Mummelseegeist, der dastand in seinem Algenumhang. Und wir, wo sind wir selbst geblieben, die wir auf dem Trainingsplatz, der mit seinem oberen Tor an den abschüssigen, bis ins Neckartal abfallenden Wald angrenzte, bei den Direktabnahmen den Ball weit über den Fangzaun jagten und ihm hinterherrennend in die ungefähre Richtung, bevor er den dämmernden Abhang hinunterrollte und im Dickicht verschwand, im Unterholz, unterm Farn, selber verschluckt wurden vom Suchen.

Aus:
Walle Sayer: Nichts, nur. Kröner Verlag, 2021

Walle (Walter-Hermann) Sayer, 1960 geboren. Kindheit und Jugend im Schatten des 1478 erbauten und 60 Meter hohen Bierlinger Kirchturmes, der mit seiner Höhe „ein Veto ragt ins amtierende Licht“. Lebt und schreibt in Horb am Neckar. Veröffentlicht seit 1984 Gedichte und Prosa. Verschiedene Auszeichnungen, zuletzt: Basler Lyrikpreis 2017 sowie Gerlinger Lyrikpreis 2018; 2020/2021 erhielt er ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds.
Zuletzt erschienen: „Nichts, nur“, ein Auswahlband, 2021, „Mitbringsel“, Gedichte, 2019 und „Was in die Streichholzschachtel paßte“, Feinarbeiten, 2016.
Walle Sayer bei Literaturport
Nichts, nur – Kröner Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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