Was nützt es?

Gastbeiträge

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Als ich im Stadtarchiv in zahllosen Dokumenten nach einer Antwort suche, warum sich einige wenige Mutlanger damals für den Frieden und gegen die Stationierung der Pershings engagierten, die meisten aber nicht, schaue ich kurz zum Fenster hinaus. Drei Jugendliche lehnen an der Wand eines Schuhgeschäfts und rauchen, worüber unterhalten sie sich? Was bringt es ihnen, was ich hier tue?
Wer so fragt, hat gleich verloren, höre ich die Weltverbesserer und Aktivisten sagen. Woher nehmen sie die Kraft für ihren unverbesserlichen Optimismus? Doch ist es nicht gerade der Pessimismus, der uns in eine passive Haltung zwängt, die uns nur reagieren lässt, die einen impft mit dem fatalen Satz: »Man kann ja eh nichts machen.«

Mitte der 1990er-Jahre saß ich gemütlich in einer German Bakery in Kathmandu, als mich junge Tibeter in ein Gespräch verwickelten. Sie fragten mich, ob ich an Tibets Unabhängigkeit glaube, da ich gerade aus Tibet zurückgekehrt war. Ich zögerte, bevor ich den Kopf schüttelte. Sie fragten, woher ich käme, und lachten, als ich sagte: »Deutschland.« Ich verstand ihr Lachen nicht, und sie erklärten mir: »Auch ihr habt nicht geglaubt, dass die Mauer fallen wird, und schau, was passiert ist!« Wir erinnerten uns, wie Egon Krenz nach seiner Rückreise aus Peking gesagt hatte, ein 4. Juni sei in der DDR undenkbar und die Niederschlagung des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens notwendig gewesen. Wenige Monate später ist sie gefallen, die Mauer. Mit gewaltfreien Demonstrationen, mit zivilem Ungehorsam zwang man innerhalb weniger Wochen eine Diktatur in die Knie. Wer hätte das für möglich gehalten?
Und hätte zu Gandhis Zeiten tatsächlich ein westlicher Oberbefehlshaber welcher Armee auch immer geglaubt, so ein Männchen, eingewickelt in einen leinenen Sari, würde die britische Kolonialmacht in die Knie zwingen? Hätte jemand gedacht, wegen einer Handvoll Traumtänzer würden die Raketen in Mutlangen abtransportiert werden?

Antworten auf diese Fragen finden sich vielleicht in Alice Grünfelder: Wird unser MUT langen? Ziviler Ungehorsam für den Frieden.

Alice Grünfelder, Buchhändlerlehre und Studium der Sinologie und Germanistik in Berlin und China, lange Jahre Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, unterrichtet seit 2010 Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen. Ihr Roman Wüstengängerin erschien 2018, ihr Essay Wird unser MUT langen? 2019. Nominiert für den Irseer Pegasus Preis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019.
Alice Grünfelder

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Alice Grünfelder.

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