Winzerkirtag

Aus dem Alltag

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Na gut, fünf Fahrten gibt das Taschengeld schon noch her. Ich brülle den Mann am Kassenschalter an, weil Status Quo uns lautstark klarzumachen versuchen, dass wir ‚In The Army Now‘ seien und untermale mein Anliegen optisch mit den Fingern meiner rechten Hand. Dann steuere ich auf einen am Rand abgestellten Wagen zu, warte den Beginn der nächsten Runde ab, stecke den ersten Jeton in den Schlitz und werfe mich ins Getümmel. Mittlerweile dröhnt ‚I Wanna Dance With Somebody‘ aus den Boxen des Autodroms und ich frage mich, ob Whitney das tatsächlich ernst meint. Mit jemandem zu tanzen. Hier. Am Kleinhöfleiner Winzerkirtag.

Mein Heimatdorf ist ja prinzipiell ein beschaulicher Ort. Die Hauptstraße misst ein paar hundert Meter und wird flankiert von einem Feuerwehrhaus im Nordwesten und einer Brachfläche im Südosten. 1987 gab es einen alteingesessenen Greißler, ein Gasthaus mit respektabler Kundenfrequenz sowie eine stattliche Anzahl an Weinbaubetrieben. Etwa in der Mitte des Dorfes weitete sich die Straße zum Anger und bot sich daher seit jeher für Zusammenkünfte aller Art an. In jüngeren Zeiten auch für opulentere Feierlichkeiten. Ja, der Kirtag war auch 1987 ein großes Fest. Mit Winzern, die Kaiser, Halbwax und Laszakovits hießen. Oder Zechmeister, was ja an sich schon ein Garant für die Trinkfestigkeit der ortsansässigen Bevölkerung war. Mit vom Kaufhaus Marinics gesponserten Geschenkkörben, die es bei der allabendlichen Tombola zu gewinnen gab, und einem vom Gasthaus Zur Alten Schule gestalteten kulinarischen Programm. Und für die Musik, da haben die Ladykillers oder die Playboys gesorgt. Oder die Schanta Buam.
Das konnte einen Sechzehnjährigen schon gehörig verstören.

Einen Sechzehnjährigen, der ohnehin noch nicht recht wusste, sich adäquat den Mädchen zu nähern. Oder dem Alkohol. Da war die Allgegenwart an vermeintlich unnahbarer Weiblichkeit und von Wein der gebräuchlichen Qualitätsstufen nur bedingt hilfreich. Zehn Tage lang wogte der Anger in einem Meer von Heurigenbänken und hüllte sich in eine Aura von Weinseligkeit, bukolischer Lebenslust und den Geruch von Langos und Brathuhn. An seinem südlichen Ende verebbte das Gedränge und die noch wenige Schritte zuvor amorphe Menschenmenge spie kleine Grüppchen und den einen oder anderen einsamen Flaneur in den unteren Teil der Hauptstraße. Die führte zur Brachfläche am Ortsende, auf der Kettenschaukeln und ein Tagada auf willige Besucher warteten. Und das Autodrom.
Auf halbem Wege wurde man Zeuge eines skurrilen akustischen Wettstreits zwischen den Ladykillers und Madonna, die gerade ‚La Isla Bonita‘ sang. Von Gelsen umschwirrt und der lauen Nacht gelockt, kam man bei den Fahrgeschäften an. Traf auf Freunde, Bekannte und ein vereinzeltes neues Gesicht. Beobachtete die Lage, rauchte die eine oder andere Zigarette und tat ganz allgemein ungemein wichtig. Und dann ging man zum Mann am Kassenschalter.

Die zwei Mädels im gelben Wagen da vorne, hat mich die eine nicht grad ein wenig angelächelt? So von der Seite halt? Sicherheitshalber pirsche ich mich an und touchiere ihren Wagen leicht schräg von vorne. Man will ja nicht unbemerkt bleiben. Dann drehe ich ab und mache einen großen Bogen, kassiere – abgelenkt, wie ich bin – einen Einschlag links hinten, der mich glatt einen Meter versetzt, und starte ein neues Manöver. Und knapp bevor ich sie wieder seitlich erwische, in dem Moment, wo Modern Talking ganz ambitioniert zum Refrain von ‚Jet Airliner‘ ansetzen, ändern sie die Richtung und ich schieße sie frontal ab. Volle Breitseite. Die beiden machen einen Hopser, der war für den Stützapparat sicher nicht gut und für weitere zwischenmenschliche Kontakte überhaupt gleich gar nicht. Und so ein Schleudertrauma hast du ja noch schneller als eine Teenager-Schwangerschaft.
Erst recht, wenn der Annäherungsversuch einem plumpen Frontalangriff gleicht.

Ich bin dann mit einem Freund nochmal die Hauptstraße raufgegangen. Zu dem Stand, wo sie so ein lustiges Trinkspiel veranstaltet haben, ohne das ein Volksfest einfach nicht perfekt ist. Da haben sie ein Achtelliterglas in einem mit Wasser gefüllten Bottich versenkt gehabt. Wenn man da mit einer Ein-Schilling-Münze reintraf, dann hat man ein Stamperl Obstler bekommen.
Zumindest da war ich erstaunlich geschickt.

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