Wir Menschen

Aus dem Alltag

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Trautner pfeift. Erst als ihn die Frau an der Bushaltestelle ansieht, so ansieht, als ob er einer von denen wäre, die ständig mit sich selber reden, einer von denen, die man besser im Auge behält, bemerkt er es. Es ist ihm augenblicklich peinlich.

Er meidet ihren Blick, murmelt etwas, räuspert sich. Schaut auf die Uhr, sieht die Uhrzeit nicht, fragt sich stattdessen: was war das für ein Lied? Er lässt den Arm wieder sinken. Versucht, sich an die Melodie zu erinnern, die er doch eben noch gepfiffen hat. Er stiert jetzt vor sich hin, reglos, konzentriert, die Augen zu Schlitzen verengt. Merkt, dass er die Frau anstarrt, als sie ein paar Schritte macht, ein paar Schritte weg von ihm. Sie lässt ihn nicht aus den Augen. Er schüttelt den Kopf und lächelt. Über sich selber, über seine Gedankenlosigkeit, über sein schlechtes Gedächtnis. Die Frau lächelt nicht.

Trautner gibt auf, dreht seinen Kopf, schaut nach links. Die Straße hinunter. Will sehen, ob der Bus kommt. Der Bus kommt nicht, dafür die Melodie. Ein einzelner Ton erst, langgezogen, die Tonart weiß er nicht, von Tonarten hat er keine Ahnung. Dann der zweite, gleich drauf der dritte, und merkwürdig: mit dem zweiten Ton die Bilder. Die Erinnerung. Das Früher.

Plötzlich ist er wieder Kind, zehn vielleicht. Elf? Sitzt im Wohnzimmer, auf der Couch, schaut fern, die Mutter neben ihm. Er kann den Stoff des Sitzbezugs fühlen, spürt die eine Stelle, die durchgesessen ist. Es ist Nachmittag, Winter, die Dämmerung fällt. Im Fernsehen diese Serie, diese Serie mit dem Naturforscher, wie hieß er doch gleich? Hans Hass? Ja, Hans Hass, denkt er sich. Sieht ihn jetzt vor sich, traut den Bildern trotzdem nicht. Erinnerungen, weiß er, können täuschen. Wir Menschen, weiß er, lieben die Täuschung.

Wir Menschen.

Trautner stutzt. Ja, so hieß die Sendung, er ist sich jetzt ganz sicher. Sein Herz klopft wie wild, seine Kehle ist trocken. Er schaut auf, sieht nichts, nicht die Haltestelle, nicht die Frau, keine Straße, keinen Bus. Er sieht das Wohnzimmer, die Couch, die Mutter neben ihm. Die Dämmerung vor dem Fenster. Hans Hass, wie er uns zeigt, wie wir sind. Wie wir sind, wenn wir uns unbeobachtet fühlen. Wir Menschen.

Erst Jahre später, viele Jahre später, hat er erfahren: dass sein Vater fremdging damals. In jenen schneekalten Wochen, als Hans Hass ihm gezeigt hatte, wie wir sind.
Wir Menschen.

Trautner schaut auf. Sieht den Bus aus der Haltestelle fahren, eine Taube, die nach Essensresten pickt. Er lächelt. Was macht es?, denkt er. Wie viele Busse, Züge, Straßenbahnen, die wir schon versäumt haben im Leben? Und während er den Mantelkragen hochzieht und die Hände in die Taschen steckt, pfeift er die Melodie. Schert sich nicht drum, ob ihn jemand hört, sieht, ihn seltsam findet.

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