Woche sieben

Aus dem Alltag

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Fast scheint es, die Zeit gerinne allmählich zu einer zähen Masse, die an den Schuhsohlen klebt und uns am Vorwärtskommen hindert. Woche sieben ist beschwerlich. Das Leben fordert viel und gibt so wenig dieser Tage.

Wir hatten die Maßnahmen begrüßt. Die Sorge geteilt um jene, die überaus gefährdet schienen. Unsere Wege auf das Nötigste beschränkt. Wir tun es noch. Und doch nagt er an uns, der neue Trott, der uns teilnahmslos unterworfen und in sein enges Korsett gezwungen hat.
Müssten wir diese merkwürdige Zeit mit einem einzigen Wort beschreiben, es hieße zweifelsohne ‚Mühsal‘.

Ich habe mich daran gewöhnt und wundere mich, wie schnell das ging. Dass der Weg an meinen Arbeitsplatz nur sechzehn Schritte misst, gerechnet ab dem Badezimmer. Dass ich wochentags die Wohnungstür nur öffne, um zum Supermarkt zu gehen. Dass ein Konzertbesuch, der Weg ins Kino etwas ist, das früher möglich war.
Davor.

Die neue Normalität, wie sieht sie aus? Doris, beklatschte Heldin des Alltags, weiß, was sie konkret bedeutet: Urlaubssperre. Zwölfstunden-Schichten. Erreichbarkeit an Tagen, die Erholung brächten. ‚Mühsal‘ ist das Wort der Stunde.

‚Die Pest‘ ist derzeit groß in Mode und schmückt den kleinen Couchtisch. ‚Die großen Schicksalsschläge sind schon ihrer Dauer wegen eintönig‘, schreibt Albert Camus. ‚In der Erinnerung erscheinen die fürchterlichen Tage der Pest denen, die sie erlebten, nicht als große, endlos grausame Flammen, sondern viel eher als eine endlose Tretmühle, die alles zermalmte.‘ Manche Seuche ist geduldig. Zermürbt, wen sie nicht töten kann.

Ja, Woche sieben ist beschwerlich. ‚Diese depperte Internettelefonie funktioniert schon wieder nicht‘, klagt eine Kollegin. Sie tut es am Festnetz. ‚Ich bin gleich wieder offline, mein Blutdruck macht mir schon Probleme‘, meint ein anderer. ‚Manchmal frage ich mich, ob ich für diese Branche geeignet bin‘, sagt er leise und klingt furchtbar müde dabei. ‚Ob ich überhaupt für das Berufsleben geeignet bin‘, fügt er hinzu.
Corona macht uns alle mürbe.

‚Langsam wird es Zeit, den Wein abzusetzen‘, meint Doris, als ich den Riesling vom Zull öffne. ‚Du hast recht‘, sage ich und fülle unsere Gläser. ‚Aber nicht vor Ende dieser Woche.‘
Da kann noch viel passieren.

Spät ist es geworden, Doris schläft bereits seit einer Stunde. Ich lese. ‚Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde‘, schreibt Camus. ‚Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen.‘
Ich knicke die Seite, schlage das Buch zu und gehe ins Bett.

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