Miriam schweigt
- September 04, 2026
- by
- Manfred Lipp
Ich habe ihn nie gemocht, sagt Miriam. Wen? fragt ihr Freund und hebt träge den Blick vom Handy-Display. Daniel? Miriam nickt, spitzt den Mund. Ihr Freund legt das Handy weg, runzelt die Stirn, sieht sie an, fragt: Was ist mit ihm? Er ist … Sie zögert, spricht den Satz nicht zu Ende. Miriam dreht sich um, weg von Fabian, sagt, leiser jetzt: Ich will ihn einfach nicht mehr sehen. Fabian steht auf, streicht sich durchs Haar, geht zu Miriam. Lass mich bitte! sagt sie, als er neben ihr steht, den Arm um sie legen will. Sie drückt ihm die Hand auf die Brust, schält sich aus seiner Nähe, tritt ans Fenster. Was hat Daniel, sein bester Freund, sein treuester Kamerad, er, den er seit Jugendtagen kennt, getan? fragt sich Fabian. Was ist Miriam geschehen? Er will etwas sagen, findet die Worte nicht, bemerkt die Trockenheit in seinem Mund, das Kratzen in seinem Hals. Fabian räuspert sich, bleibt, wo er ist, lässt die Arme sinken, flüstert: Sag schon, Miriam. Die Zeit gerinnt zu Sekunden, zu einer Minute. Doch nichts geschieht. Miriam schweigt.



