Ausweg

Aus dem Alltag

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Öffneten sich die Tore des Doms, heraus trat frommes Kirchenvolk. Sonntag war und die Worte des Herrn hingen über den Köpfen der Gläubigen wie ein Schwarm Mücken, der sich rasch zerstreute. Kurz noch stand man beieinander, plaudernd, scherzend, die Fassade der Kirche betrachtend, die frisch renoviert war. Kaum einer, der auf den Mann achtete, der auf den Stufen des Doms saß und die Menschen besah.
Den Mann, der in Lumpen ging.

Neben ihm die junge Frau, reglos saß sie da und stumm. Warum sie es tat, was sie fand an ihm, die Menschen verstanden es nicht. Drei Männer blieben stehen, zwei Frauen auch. Was hast du mit ihm zu schaffen? fragten sie.
Die junge Frau sah auf, antwortete nicht.
Ein elender Bettler ist er, sagte einer, deutete auf den Mann, der ihn nicht beachtete.
Er ist mehr wert als du, sagte die junge Frau.
Hört, hört! Mehr wert als ich ist er, spottete der Mann, wandte sich um zu seinen Freunden. Eine Hure bist du, sagte er, spuckte ihr ins Gesicht.
Sie stand auf, war voll Wut, wollte ihn ohrfeigen.
Nein, sagte der Mann, der in Lumpen ging. Mehr sagte er nicht.
Niemand sprach ein Wort, ratlos ging man auseinander.

Wer bist du, dass du andere ohrfeigst? fragte der Mann, der in Lumpen ging.
Soll ich Hohn und Spott ertragen, meine Ehre nicht verteidigen? entgegnete sie. Ihre Stimme klang hart, überschlug sich.
Und deine Waffe ist Gewalt? wollte er wissen.
Was sonst soll ich tun? Sag!
Was soll dein Schlag bewirken? fragte der Mann. Welche Tat wird ihm folgen?
Die junge Frau sah zu Boden. Ich weiß nicht, meinte sie. Wie soll man sich wehren gegen das Unrecht?
Der Mann sah sie an. Berührte sie an der Schulter. Lächelte.

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