Begegnungen

Athen

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Er sprach keine Sprache, die ich verstand. In den Händen hielt er ein Schild, ein Stück Karton, auf dem sechs Zeilen standen. Niemand, vermute ich, hat sie je gelesen. Als uns kaum ein Meter trennte, eine Armlänge vielleicht nur, begann er, auf mich einzureden, wild, laut, verzweifelt.

Ich verzögerte meinen Schritt, sah ihn an, sah ihm direkt in die Augen, stehen blieb ich nicht. Der Mann, dachte ich, mochte aus Südasien stammen, aus Indien womöglich oder Bangladesch, ich schloss es aus der Farbe seiner Haut, dem Klang seiner Sprache und es mag sein, dass ich gänzlich falschlag, ich irre oft in derlei Dingen. Das Elend troff ihm aus jeder Pore. Was er am Leib trug, waren schmutzige Lumpen. Er redete, redete auf mich ein mit einer Heftigkeit, die mich erstaunte, auch ein wenig erschreckte. Was er sagte, verstand ich nicht und verstand es doch genau. Die Sprache der Verzweiflung, sie bedarf keines Wörterbuchs. Ich schnürte meine Seele ein und ging weiter.

Nach drei Metern blieb ich stehen, schluckte, senkte den Kopf. Ich drehte mich um und kaufte mein Gewissen frei. Als er sah, dass ich nach meiner Geldbörse griff, begann er zu weinen. Seinem Blick hielt ich stand.

Zwei Stunden später, den Hephaistos-Tempel vor Augen, einen griechischen Kaffee auf dem kleinen Tisch vor mir, die Seele in der Hängematte, sprach mich ein junger Mann an, ein Kind fast noch. Er deutete auf seinen Mund, den Magen, den Schorf auf seinen Unterarmen. Legte die Handflächen aneinander, sagte: Please! Ich schüttelte den Kopf. Please help, wiederholte er, leiser diesmal, flehend. Ich zwang mich, ihm in die Augen zu schauen, sah die Resignation, die darin lag. Schüttelte abermals den Kopf. Er zögerte einen Moment, kratzte sich am Unterarm, löste sich dann vom Tisch und verschwand im Menschengewühl der Straße.

Ich sah auf den Hephaistos-Tempel und fühlte mich schlecht.

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