Bunkerstimmung

Aus dem Alltag

Written by:

Views: 440

Nein, schön waren sie nicht. Schön mussten sie nicht sein. Das Land beschützen mussten sie und die Freiheit verteidigen.
Die Feinde waren überall.

Enver Hoxha war ein ungewöhnlicher Mann. Der Sohn eines Tuchhändlers, den die Jugend zum Marxisten, der Krieg zum Partisanen und der Sieg zum Diktator gemacht hatte. Er war sechsunddreißig, als sich die Wehrmachtssoldaten hinter den Grenzen Albaniens verloren.
Vier Jahre älter als sein Land.

Tito war der erste, mit dem er sich überwarf. Jugoslawien war nicht zu trauen, sein Hunger nach Gebieten noch keineswegs gestillt. Hoxha zähmte das Raubtier mit einem wilden Dompteur. Wer wollte Stalin schon zum Feind?
Bald lagen sowjetische U-Boote vor der Adriaküste.

Stalin starb und mit ihm das Bündnis. Vier Tage rang der Georgier mit dem Tod, der Bund mit der Sowjetunion acht Jahre. Was war dieser Chruschtschow für ein Sturkopf. Konnte er nicht sehen, wo Albanien lag?
Dass es Russlands Tor zum Mittelmeer war?

Also wieder einen neuen Partner finden. Einen im Osten. Im Fernen Osten.
Mao hob den Kopf und lächelte.

Es war eine Schmach. Ein Affront. Noch immer saß Taiwan auf dem Sessel, der Mao gebührte. Die Volksrepublik brauchte Fürsprache, doch dieser Chruschtschow war ein Sturkopf. Womöglich konnte das kleine Albanien helfen, es hatte einen UNO-Sitz.
Hoxha lächelte und nickte. Freute sich über die Getreidelieferungen von einer hungernden Nation.

Überhaupt dieser Mao, war er nicht ein großer Führer? Hatte er nicht recht damit, der Religion die Stirn zu bieten? War sie nicht ein Einfallstor für Einfluss, der von außen kam? Nein, fremde Autoritäten waren nicht länger zu dulden. Atheismus war sicherer.

Verrat. Immer wieder Verrat. Mao hatte sein Ziel erreicht, Taiwan war aus dem Spiel. Albanien entbehrlich geworden. Unerhört das Bild, wie Mao sich mit Nixon trifft. Unerträglich. Es gab keine Treue mehr, keine Prinzipien.
Und keine Alternativen.

Albanien war arm, doch reich an Feinden. Die Invasion, war sie nicht unvermeidlich? Bunker, dachte Hoxha. Bunker mussten her.

750.000 sollten es werden. Wie die Pilze schossen sie aus dem Boden und wie Pilze sahen sie aus. Überall standen sie. An den Landgrenzen, an der Küste, im Gebirge. An Pässen und vor Brücken. Rund um die wichtigen Städte. Es gab kleine Bunker und große. Schön waren sie nicht. Schön mussten sie nicht sein. Das Land beschützen mussten sie und die Freiheit verteidigen.
Die Feinde waren überall.

Niemand weiß, wie viele es geworden sind. Niemanden kümmerte es. Es waren Hunderttausende.

Enver Hoxha war sechsundsiebzig, als er starb. Vier Jahre älter als sein Land. Es war noch immer das ärmste Europas.

Der Kommunismus ging, die Bunker blieben. Die meisten rotten vor sich hin. Warten darauf, dass die Zeit sie vergisst. Werden von der Vegetation überwuchert, verschwinden aus der Sichtbarkeit. Einige werden als Stall genutzt. Als Lager. Als Treffpunkt junger Paare. Als Abort. Manchen wurde ein bunter Anstrich verpasst. Ein paar in ein Lokal verwandelt. In ein Hotel. Ein kleines.
Ein Bunker gar zur Kirche.

Kein einziger hat jemals einen Feind gesehen.

Comments are closed.