Angst
- August 02, 2019
- by
- Manfred Lipp
Sie wollte sich nicht ängstigen. Und tat es doch. Es kam die Furcht wie ein böser Geist über sie, war plötzlich da, mächtig und unkontrollierbar. Meist ohne klaren Grund. Und ohne Ziel.
Das machte ihr noch mehr Angst.
Anfangs griff sie, hektisch nach Atem ringend, mit fahrigen Fingern zur Zigarette. Später griff sie zur Flasche, das Rauchen ließ sie freilich nicht. Der Wodka machte die Welt freundlicher, dämpfte deren drängende Ungeduld, nahm ihr ihre kalte Schärfe. Nach dem ersten Glas hörten ihre Hände auf zu zittern, nach dem zweiten konnte sie freier atmen. Nach dem dritten...
Der Weg zum Nirvana
- Juli 26, 2019
- by
- Manfred Lipp
Fett ist sie, die Hummel. Wie ein feister Kampfhubschrauber kreist sie über dem Klee, sucht nach einer stämmigen Pflanze, die ihre Masse dulden kann. Senkt sich dann auf eine Blüte, hoffnungsfroh, vertrauensvoll. Um nach einem Augenblick des Friedens erbost zu akzeptieren: es trägt sie nicht, das kleine grüne Volk.
Und mit grimmig dumpfem Flügelschlag ist sie...
Der König ist tot
- Juni 07, 2019
- by
- Manfred Lipp
Wieso ist das mit den Schuhbändern so kompliziert, ein schöner Knoten ist das nicht. Ich glaub, das werd‘ ich nie g’scheit lernen. Aber jetzt, wo ich mir die Schuhe so anschau und die hässlichen Schlaufen, fällt’s mir erst auf, dass ich eigentlich die Sandalen nehmen könnt‘.
Es ist ja immerhin August.
Es war ein schöner Sommer. Im...
Zurück in die Zukunft
- Mai 24, 2019
- by
- Manfred Lipp
Ein Freund wird fünfzig. Einer, der grad erst seinen Vater zu Grabe tragen musste, der Tod hat kein Gespür fürs Leben. Einer, der herzlich ist wie der Dalai Lama und anstrengend sein kann wie eine Wagner-Oper vom Stehplatz aus. Einer, der mutig ist und geistreich. Und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung hat.
Einer, den wir viel...
Makellos schwarz
- Mai 17, 2019
- by
- Manfred Lipp
Das erste, was ich von ihm sah, waren seine Schuhe. Sie waren blank poliert. Makellos schwarz. Er saß mit dem Rücken zu mir, als ich gerade in die Straßenbahn stieg, hatte lässig ein Bein über das andere geschlagen. Beide ragten sie ein Stück weit in den Gang hinein.
Und da sah ich seine Schuhe.
Ich setzte mich ihm...





