An der Hotelbar
- Januar 18, 2022
- by
- Walle Sayer
Calvados und ein Cappuccino, als läge im Milchschaum eine umwölkte Aussichtshöhe, stehen vor ihm als Gedeck. Auf dem Barhocker läßt sich der Schmerzpunkt besser orten, der ausstrahlt im Rücken. Mit derselben Haltung saß er schon auf einem Baumstamm, während der Nachtwachen seiner Pfadfinderzeit, unter freiem Himmel, als alle anderen schliefen und die krummgeschlagenen Heringe auf dem felsigen Bodenuntergrund vorm Zelteingang lagen.
Doch für heute hat er genug geredet, deshalb schweigt er synchron mit sich. Befolgt sein ehernes Vertretergesetz: nicht vor achtzehn Uhr trinken und ja nie auf dem Zimmer anfangen, sich aus der...
Falsches Gold
- Januar 11, 2022
- by
- Sven Heuchert
Mein Vater trank Küppers Kölsch. Vierundzwanzig Flaschen Braunglas sind ein Kasten. Auf den Etiketten ein Köbes, der einen Kranz frisch gezapftes Bier in den Händen trägt. Der Schriftzug KÜPPERS KÖLSCH vor leuchtend hellgelbem Hintergrund. Schmale, elegante Buchstaben. Immer wenn ich an dieses Bier denke, muss ich auch an eine Nachmittagssonne denken, die durch die...
Die Flügel geflogen
- Januar 04, 2022
- by
- J. Monika Walther
Die Flügel ausgebreitet. Die Spannweite gemessen.
Sitzen geblieben.
Die Flügel aufgefaltet, die Farben bestimmt.
Sitzen geblieben.
Die Flügel aufgemalt, das Papier zerknüllt,
mich hingehockt.
Die Flügel beschrieben, tausend Worte, hingefallen.
Die Flügel aus einer Weltkarte geschnitten,
Reiseführer gelesen.
Die Flügel aufgehängt, Sprachen gelernt.
Geschwiegen.
Die Flügel ins Auto gepackt und an die See gefahren....
Wegwarten
- Dezember 21, 2021
- by
- Sara Schmiedl
Die geschlossene Tür steht hinter deinem Rücken wie ein feindseliger Dominostein. Du hast beschlossen zu verschwinden, doch das gelingt dir nicht, dein Körper ist zu konkret. Also dachtest du, dich einfach zu verbergen, indem du umziehst, hinter die Wahrnehmbarkeitsgrenze. Du beginnst hier die Straße entlangzugehen, die Straße, die sich nicht wie ein nasser Schnürsenkel...
Cosa fai?
- Dezember 14, 2021
- by
- Peter Henisch
Es überraschte ihn nicht mehr, dass die Tauben deutsch sprachen. Untereinander sprachen sie italienisch, aber wenn sie sich an ihn wandten, sprachen sie deutsch. Wer bist du? hatten sie am Anfang gefragt. Und: Was suchst du? Oder: Was willst du? Aber vielleicht hieß das auch: Was spielst du?
Ich fotografiere, sagte er. Ich fotografiere...





