Dachte Schumann

Aus dem Alltag

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Was für ein seltsames Kind, dachte Schumann und biss in einen Apfel. Der Apfel schmeckte sauer und ohne es zu bemerken, schnitt Schumann eine Grimasse. Ein Windstoß schob die Plastikverpackung eines Schokoriegels vor sich her und spuckte sie vor seinen rechten Schuh. Angewidert hob er den Fuß, überließ das Plastik wieder dem Wind, der es augenblicklich fortschleppte. Die Menschen gingen so sorglos um mit der Welt, dachte Schumann und zupfte an seinem Krawattenknoten. Er überlegte, ob er den Apfel aufessen sollte. Unschlüssig über seine allernächste Zukunft spitzte er den Mund, hob den Blick und schaute auf die Parkbank, die seiner gegenüberlag.
Das Mädchen sah ihn an.

Was für ein seltsames Kind, dachte Schumann abermals und wickelte den halb gegessenen Apfel in eine Papierserviette. Das Mädchen saß also wieder auf dieser Bank, den dritten Tag schon, immer alleine. Nie ging es zum Kinderspielplatz hinüber, der nur ein paar Schritte entfernt war. Saß nur da und schaute hinaus in die Welt aus seinen großen, schwarzen Augen. Als würde es auf etwas warten, dachte Schumann.
Oder auf jemanden.

Er verstand nichts von Kindern und wollte es auch nicht. Es war ihm schon seine eigene Kindheit ein Gräuel gewesen, an die er sich nur ungern erinnerte. Im Nachhinein begriff er sie als bloße Notwendigkeit. Eine Zumutung, die sich durch Verletzlichkeit und ein unerträgliches Maß an Abhängigkeit auszeichnete. Wie unangemessen für ein vernunftbegabtes Wesen.
Schumann verstaute die Reste seines Mittagessens in der Tasche, die Pause war fast vorüber. Er streckte seine Wirbelsäule, lehnte sich zurück und legte den linken Arm über die Rücklehne der Bank. Er sah zum Mädchen hinüber, das ihn immer noch mit seinen großen Augen fixierte. Es war ihm unangenehm. Wie alt mochte sie sein, fragte er sich. Sieben vielleicht? Wohl eher acht. Sie bewegte sich nicht, saß kerzengerade auf der Bank, die Beine baumelten ein Stück weit über dem Kiesboden. Sie lächelte nicht, winkte ihm nicht zu. Sah ihn bloß an.

Nun gut, was ging sie ihn an?, dachte Schumann. Er stand auf und strich mit den Händen über seinen Hosenboden. Warum war nie ein Erwachsener zu sehen?, fragte er sich plötzlich. Es war merkwürdig, aber diese Frage kam ihm jetzt erst in den Sinn. Schumann runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass das Mädchen ganz alleine war? War das möglich? Wo schlief sie dann? Was aß sie? Er sah zur Bank hinüber.
Sie war leer.

Jemand griff nach seiner rechten Hand, nahm sie in seine. Schumann erschrak. Sah zur Seite. Schaute in die schwarzen Augen des Mädchens, die ihn stumm anblickten. Was ging hier vor?

Was sie von ihm wolle, fragte er. Wer sie sei. Wo sie wohne. Das Mädchen antwortete nicht. Nur ihre schwarzen Augen schienen zu wissen, was sie nicht sagen konnte.

Schumann wusste nicht, was er tun sollte. Seine Mittagspause war vorüber, er musste zurück ins Büro. Stand nun hier, vor der Parkbank. Die Hand eines kleinen Mädchens lag leicht in seiner und wog doch schwer.

Er zupfte an seinem Krawattenknoten. Lockerte ihn. Seine Kehle war trocken. ‚Du musst‘, sagte er und wusste nicht, was. Das Mädchen sah ihn an, ließ ihn nicht los.
Zart und warm lag ihre Hand in seiner.

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