Dämonen

Aus dem Alltag

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Dieses Mal würde es klappen, sagte sie sich. Lächelte dabei. War sich ganz sicher. Sie saß auf der Couch und horchte auf die Schritte, die ihr Mann im Zimmer über ihr tat. Es waren sehr langsame Schritte. Schritte, die sie unter tausend anderen erkannt hätte. Sie hob den Kopf und sah zur Decke. Zog die Beine zum Körper und umschlang sie mit ihren Armen. Schloss die Augen.

Es war lange her, dass sie Freunde getroffen hatten. Wie lange, wusste sie nicht mehr. Anfangs, da waren es kleine Unpässlichkeiten, die jäh über sie gekommen waren, ein pochender Schmerz hinter der Schläfe etwa oder ein Stechen im Knie, das jeden Schritt unmöglich machte. Sie hatte sich gewundert. Sich bedauert. Zum Telefon gegriffen und die Freunde angerufen, sich hundertmal entschuldigt.
Anfangs, da waren die Freunde überrascht. Enttäuscht. Voll Mitgefühl.

Über ihr: die Schritte. Wohin?, fragte sie sich. Wohin so stet und doch so langsam? Sie beugte sich vor und griff nach der Tasse. Der Tee war kalt geworden über ihrem Grübeln. Ihre Sicherheit geschwunden. Sie sah auf die Uhr. Noch eine Stunde. Dieses Mal würde es klappen, sagte sie sich. Musste es klappen. Sie schluckte. Fixierte einen Punkt an der Wand. Sog Luft in ihre Lungen, presste die Lippen aufeinander.
Wie sehr sie sich doch freue, sagte sie sich.

Die Zeit hatte alles nur schlimmer gemacht. Als wäre sie in einem bösen Traum gefangen, hatte sie wieder und wieder gedacht und zum Telefon gegriffen. Ihr versteht doch?, hatte sie gesagt und es selber nicht verstanden. Die Schmerzen verflucht, die kamen, wenn sie gehen wollte. Ein eingeklemmter Nerv. Ein Rheumaschub. Ein plötzlich geschwollener Zeh. Ihr Mann verlor nie ein böses Wort. Sah sie nur an aus seinen dunklen Augen, rückte sich die Brille zurecht auf dem Nasenrücken. Gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Ging nach oben.
Tat Schritt um Schritt um Schritt.

Sie horcht auf. Hört keine Schritte mehr. Fühlt Angst in sich aufsteigen, schluckt. Spürt ein Brennen im Magen. Weiß nicht mehr, ob es klappen wird. Lächelt nicht. Fühlt sich verloren und glaubt, dass sie stürzt und fällt und keinen Boden mehr spüren wird in diesem Leben.
‚Gehen wir?‘, fragt er.

Sie sieht ihn an. Sieht ihn an, wie sie ihn lange nicht angesehen hat. Lächelt dann, lacht.
‚Ja‘, sagt sie.

‚Wo warst du so lange?‘

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