Der Sommer mit Karin

Aus dem Alltag

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Wir waren achtzehn, hatten keine Sorgen im Gepäck. Stiegen in den Mitsubishi, der zu alt war für die Straße und zu jung für den Schrottplatz. Fuhren nach Kärnten, zwei magere Taschen im Fond. Hinter uns das Schuljahr, das letzte. Vor uns der Sommer, der ein endloses Versprechen war.
Der Sommer mit Karin.

Wir schliefen in kleinen Zimmern und in winzigen. In Räumen, in die gerade ein Bett passte und ein kleiner Kasten. Ein Sessel ohne Tisch. Viermal schliefen wir im Freien, weil es das Wetter erlaubte, obwohl das Gesetz es verbot. Wir schliefen eng beieinander. Nebeneinander. Miteinander.

Wir hörten Leonard Cohen und Bob Dylan. Sangen ‚So long, Marianne‘ und wussten: das würde uns nie passieren. Lagen tagelang in der Sonne, den Wind in den Haaren und die Hand des anderen auf dem Knie, der Brust, um die Hüfte. Manchmal schwammen wir um die Wette, morgens meist, wenn das Wasser nachtschwarz war und kalt. Umarmten einander, ließen uns sinken. Tauchten wieder auf, klatschnasse Haare im Gesicht und eine unbändige Lust im Leib. Wir lagen am Ufer, blinzelten müde in den Himmel, Herz und Seele so frei wie die Wolken, die vorüberzogen. Sangen laut ‚We’d go down to the river and into the river we’d dive.‘ Dachten nichts, wünschten nichts.
Hatten alles.

Landeten schließlich am Weißensee, wo wir eine winzige Kammer fanden, die sich irgendwie bewohnen ließ. Wo dich die alte Wirtin beim Frühstück in die Wange kniff, du hast es gehasst und trotzdem gelacht. Weißt du noch?
Wenn ich die Augen schließe, kann ich dich sehen. Wie du in den See steigst, in dieser kleinen Bucht, ein Stück weit hinter dem Ronacherfels. Dich umsiehst nach mir. Mir zuwinkst und mich zärtlich verspottest. Das Wasser war mir zu kalt an diesem Tag. Ich war dir nicht immer gewachsen.

Der Sommer war kein endloses Versprechen, auch wenn wir es nicht glauben mochten. Mit dem Herbst kam das Studium. Ein neues Leben. Und Bernhard, du lerntest ihn im November kennen. ‚So long Marianne‘, ich hatte nicht gedacht, dass ich es alleine singen würde.
So bald schon.

Wir verloren uns aus den Augen. Freunde erzählten mir zuweilen von dir. Ich nickte. Fragte nicht. Hörte bald auf, sie zu treffen.

Ob ich die Sache mit Karin wisse? Martin stellt sein Bier ab, wischt sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen. Ein Blitz schießt mir durchs Herz. Zwanzig Jahre war er jetzt her, unser Sommer in Kärnten. Erinnerungen steigen hoch, kriechen mir in die Kehle. Schnüren sie zu. ‚Hast du es gehört?‘, wiederholt er die Frage, kneift die Augen zusammen, kratzt sich am Hinterkopf. Ich will nicht, dass er weiterredet und will es doch. Also bleibe ich stumm, sehe auf das Bierglas, das vor mir steht. Auf meine Hände, die auf ihren lagen. Damals.
Brustkrebs. Vor Jahren schon. Ob ich das wirklich nicht gewusst habe? Ein Jammer sei das. So jung noch. So …

Kannst du das Heu noch riechen, Karin? Die Ameisen fühlen, die uns über die Beine krochen nach jener Nacht im Freien? Die Stille hören, die den See umgab? Du siehst dich um nach mir, als du ins Wasser steigst. Winkst mir zu. Tauchst unter.
Zweige knacken im Unterholz.

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