Punktgenau

Aus dem Alltag

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Sechzehn sind es. Sechzehn Nadeln, die in meinem Körper stecken. Erst Nummer acht hat wehgetan, hockt nun auf meinem Bauch, als wäre das ihr angestammter Platz.
Ich bin skeptisch.

‚Schön entspannen‘, sagt die Ärztin, bevor sie das Licht der Stehlampe dimmt, die Tür hinter sich zuzieht und kaum hörbar die Treppe hinuntersteigt. Ich schließe meine Augen und atme tief. Atme langsam. Spüre die Spannung, die in mir ist wie eine chronische Krankheit. Regentropfen schlagen an die Scheibe, wenn eine Bö aufkommt und sie der Wind ans Fenster peitscht, ansonsten ist es still. Nur der Ton in meinem rechten Ohr, der stets zu einem Rauschen, einem wütenden Pulsieren anschwillt, wenn die eine Nadel ihre rechte Stelle findet, ist zu hören. Ich wundere mich. Wundere mich jedes Mal, wie unmittelbar die Reaktion folgt, als hätte Pawlow längst sein Werk getan an mir und meinem Ohr.

Die Nadeln selbst spüre ich nicht mehr, auch wenn ich weiß: sie sind da. Ich spüre nicht die, die zwischen meinen Augen steckt, gleich oberhalb des Nasenbeins. Nicht die vier, die schräg aus meinen Händen ragen, nicht jene, die in meiner Schädeldecke hängt. Noch nicht einmal die eine, die mitten auf meinem Bauch hockt.
Sehen mag ich sie nicht.

Ich dämmere weg, falle in einen Halbschlaf, der mich eigenartig wachsam macht. Ich kann die Türklingel hören, die Schritte der Ärztin und die Stimme der Frau, die in die Praxis tritt. Verstehe die Worte, die gewechselt werden, zwei Etagen unter mir. Höre, wie Schuhe ausgezogen werden und ein Kleiderhaken metallisch auf die Garderobenstange trifft. Ich atme tief und regelmäßig. Gedanken schießen mir durch den Kopf, ziellos scheinbar und ohne fassbaren Zusammenhang. Ich greife keinen von ihnen auf. Dann sehe ich ein Bild. Bunt, scharf konturiert, in drastischer Lebendigkeit. Es ist mein Vater, er sitzt mir gegenüber, in einer Schutzhütte oder einem alten Wirtshaus vielleicht. Er lächelt mir zu. Er kann nicht älter sein als Anfang vierzig.

Eine Strähne seines Haars, dicht und wild und dunkelbraun, fällt ihm in die Stirn. Sein Gesicht wirkt entspannt, sein Kopf ist leicht nach links geneigt. In seinen Augen liegt ein seltsames Glitzern. Mit seiner rechten Hand greift er nach etwas, das ich nicht sehen kann, von dem ich aber weiß, dass es Bedeutung haben wird für mich.
Dann ist er plötzlich weg.

‚Und, wie war’s?‘, fragt mich die Ärztin, dreht das Licht auf und zupft die Nadeln aus meinem Körper. Ich fühle mich wie Rip Van Winkle, der nach zwanzigjährigem Schlaf erwacht ist, richte mich vorsichtig auf und strecke meine Arme. ‚Ich glaube‘, sage ich, ‚langsam gewöhne ich mich an die Akupunktur‘.
Dann will ich wissen, welche Punkte sie dieses Mal gestochen hat.

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