Der Tag der weißen Kleider
- Juni 02, 2026
- by
- Silvia Hlavin
Christina bog in die Seitengasse neben dem großen Kaufhaus ein, vielleicht gab es doch Gerechtigkeit in Form von ein wenig Glück bei der Parkplatzsuche. Sie fuhr nicht gerne mit dem Auto in die Innenstadt Wiens, schon gar nicht dorthin, wo man bequem aus der U-Bahn steigen könnte. Aber da die Mutter sich vor langen Wegstrecken fürchtete, ihre Beine diese angeblich nicht mehr schafften und der Tag ein entspannter werden sollte, stünde Christina ein Quäntchen Glück bei der Parkplatzsuche zu. An der Ecke, nach dem kleinen roten Auto, war Raum frei, sie beugte sich etwas vor …
»Da vorne, Christina schau, hinter dem kleinen roten Wagen. Aber ist hier nicht überall Kurzparkzone?«
Mutter vom Beifahrersitz aus, die Stirn in Falten, Augenbrauen gehoben: Natürlich wusste sie alles besser.
»Nicht an Samstagen«, murmelte Christina. Sie biss sich auf die Lippe, verdammt, sie hatte vergessen, die Bestimmungen nachzulesen. Egal, Hauptsache energisch behauptet, und keine Einfahrt, der Parkplatz groß genug für ihren Wagen, für Mutter ein knapper Fußweg – der erste Teil der heutigen Aufgabe war geschafft.
Langsam spazierten sie zum Eingang. Christina bremste ihre eigenen Schritte, passte sie an diejenigen der Mutter an, atmete tief durch, nur nichts sagen – von wegen ›Mehr Bewegung täte gut, liebe Mutter‹. Es sollte schließlich ein netter Mutter-Tochter Einkaufsbummel werden.
Mutter blieb stehen und verschnaufte. Ihre jahrelange schwere Arbeit auf den Feldern, das stundenlange Stehen auf eiskaltem Beton, wenn sie Rosen sortierte und band … das räche sich eben im Alter: Pauls Worte über seine Schwiegermutter. Daran musste Christina sofort denken, der gute Schwiegersohn, mitfühlend und überlegt, immer dann, wenn sich Christina über ihre Mutter beschwerte, weil sie sich gehen ließe, die paar Stufen in den Keller, um die Waschmaschine zu befüllen, zählten keinesfalls zu Sport, Mutter hätte ja jetzt Zeit genug, Physiotherapien zu besuchen … Also Geduld mit ihren langsamen Schritten und keine kritischen Bemerkungen. Als sie das Kaufhaus betraten, kniff Christina die Augen zusammen, versuchte die beschriftete Tafel neben der Rolltreppe schon von Weitem zu entziffern:
»Wir müssen in den dritten Stock.«
Oben angekommen eilte Christina voraus, hoffentlich fand sich überhaupt ein weißes Kleid. Weiß war entweder für Bräute oder für junge Mädchen geeignet; keine Ahnung, warum sich Mutter unbedingt ein weißes Sommerkleid wünschte. Christina überflog die Umgebung nach weißen Teilen, das eine war zu figurbetont, ein anderes komplett aus Synthetik – nie und nimmer. Mutter schwitzte ohnehin bei der geringsten Anstrengung. Zwischen einigen bunten Zweiteilern hing ein klassisches Kostüm, gerader Rock und ein Blazer mit wenigen Knöpfen – schade, es war nicht reinweiß, eher beige, nein, das würde ihr nicht gefallen, war ja kein Kleid. Mutter wollte etwas ›Luftiges‹, was immer das bedeutete.
Langsam folgte ihr Mutter in kleinen Schritten, dann zeigte sie mit einem Mal auf einen Kleiderständer:
»Schau Christina, ein weißes Kleid! Ist das nicht sogar aus Baumwolle?«
Christina griff nach dem dünnen Sommerkleidchen mit Lochmuster und gezogenem Faltenteil in der Taille. Das Outfit eines siebzehnjährigen Mädchens auf Strandurlaub.
»Ja, das ist reine Baumwolle«, bestätigte Christina.
»Und hat sogar lange Ärmel, nimm das einmal mit. Das probiere ich auf alle Fälle.«
Christina suchte nach Größe 44, die gab es tatsächlich, und sie ertappte sich dabei, leise zu seufzen – Mutter war ohnehin schon weitergezogen. Christina folgte ihr.
Ein Riesenkaufhaus, Christina konnte nicht annähernd abschätzen, wie viele Quadratmeter Verkaufsfläche sich vor ihr ausbreiteten, und sie fand kein – passenderes – weißes Teil?
»Christina, wo sind die Umkleidekabinen? Ich werde das Kleid jetzt probieren.«
Als Mutter den Vorhang schloss, merkte Christina, wie ihr der Schweiß aus den Achseln die Arme hinunterlief. Hektisch trat sie zu den umliegenden Kleiderständern. Es musste doch irgendwo ein halbwegs schickes Kleid zu finden sein.
»Schau!«
Christina erschrak. Sie wandte sich um und sah ihre Mutter in dem Jungmädchenkleid. Sie stand dort, drehte sich in ihrem neuen Kleid und strahlte – wahrlich. Diese Freude in ihrem Gesicht; Christina biss sich auf die Lippe. Egal, was irgendwer irgendwo sagen würde, diesen Augenblick wollte sie ihr nicht zerstören.
»Wow – Mama!«
»Nicht wahr? Schau dir das an: Perfekt! Oben ist das Kleid gefüttert, sodass man nichts durchsieht, die langen Ärmel – brauche ich, weil keiner meine hässliche alte Haut sehen will – und das luftige Lochmuster, da werde ich sicher nicht schwitzen, nicht einmal beim Tanzen. Und vor allem: Es passt mir wie angegossen!«
»Mama, du strahlst! Oh, wie mich das freut.« Und das war die Wahrheit.
Mutter strahlte noch immer. Da saßen sie bereits im nur wenige Meter entfernten Kaffeehaus und bestellten sich zur Melange zwei Nougattorten. Christina lehnte sich über den Tisch und küsste ihre Mutter auf die Wange, strich ihr über den Arm. Den, der übersät war, mit Muttermalen, Altersflecken und kleinen Blutergüssen. Die Arbeit oftmals in der prallen Sonne, damals ohne jeden Schutz, in den letzten Jahren blutverdünnende Medikamente, die das Herz schonen sollten, aber vermutlich Blutergüsse begünstigten.
»Hättest du dir das gedacht? In fünf Minuten haben wir das erledigt! Jetzt brauchen wir nach dem Kaffee nur noch weiße Sandalen dazu.« Mutter schüttelte den Kopf, als könne sie selbst kaum glauben, dass ihr Einkaufsbummel so toll gelungen war, und bedankte sich herzlich bei der Kellnerin, die den Kaffee vor ihnen abstellte.
Die Nougattorte war mit giftgrünem Marzipan überzogen –
»Die ist ja unglaublich flaumig, fantastisch, die haben wir gut ausgesucht!«
Christina schluckte den leichten Widerwillen ob der intensiven Lebensmittelfarbe hinunter. Mutter hatte recht: Die Torte schmeckte gut, und das bisschen ›E‹ mit einer Nummer wegen der Zusatzstoffe, wen interessierte das, wenn Mutter glücklich war.
*
»Du bist schon zurück?« Paul kam ihr im Vorzimmer mit einem verwunderten Blick entgegen.
Christina schlüpfte aus den Schuhen, legte den Autoschlüssel auf die Ablage und meinte, Mutter sei wahrscheinlich nie das Problem beim Einkaufen gewesen. Sondern ›die schwierige Tochter‹.
Paul lachte, ging in die Küche und rief, das Essen brauche noch etwa eine Viertelstunde, dann aber sei alles fertig, bereit für einen entspannten Abend.
Christina ging in das Badezimmer; natürlich kannte Paul die Geschichten, die alten. Aus Christinas Kindheit. Die Mutter, die ihre einzige Tochter stets zum Einkaufen überreden musste. Christina, die Schuhe probierte, für passend empfand, um zuhause festzustellen, dass sie mindestens zwei Nummern zu groß gewesen waren … eine von Mutters Lieblingsgeschichten. Christina hasste eben alles, was einengte oder drückte, das hatte sich übrigens nie geändert. Und Einkaufen war ihr mehr Pflicht als Vergnügen. Eine Notwendigkeit, die es galt, in Grenzen zu halten.
Während Christina sich die Hände wusch, blickte sie in den Spiegel und dachte: »Wahrscheinlich hat Mutter sich vor diesem Einkaufsbummel genauso gefürchtet wie ich.«
Paul stand plötzlich in der Tür. »Erzähl, was habt ihr gekauft?«
Christina verzog das Gesicht, seufzte.
»Ihr gefällt es. Und es ist weiß.«
»Na dann, ist doch alles gut!«
Das Geräusch von heiß gewordenem Öl zischte aus der Küche. Paul verschwand. Christina trocknete sich die Hände ab, entdeckte ein wenig Schokolade unter einem Fingernagel. Wie war die dorthin geraten? Ein paar Krümel waren ihr auf das Tischtuch gefallen, die hatte sie aufgesammelt. Peinlich, wie ungepflegt das aussah! Sie putzte den Nagel sauber, hielt inne. Damals, in der Gärtnerei, Mutters Fingernägel, nie hundertprozentig sauber, weil ein Pflanzensaft färbt und nicht bloß verschmutzt. Seife oder Nagelfeilen kamen nicht dagegen an, Mutters kleine Einstiche von den Rosenstacheln waren nicht bloß Wunden gewesen, sie verschmutzten, weil auch dort der Pflanzensaft eindrang. Geniert hatte Christina sich, weil die Mütter der Schulfreundinnen alle im Büro oder gar nicht gearbeitet hatten, ihre Finger, Hände, Arme im Gegensatz zu Mutters makellos waren. Aber es war die Arbeit der Mutter, gemeinsam mit dem Vater, die ihnen das Überleben, nein, die ihr das Leben mit Büchern, Spielsachen und Kleidern ermöglicht hatte. Und das hätte sie gerne schon als Kind besser verstanden oder begriffen. Dann hätte sie sich damals die Scham erspart und heute die Schuldgefühle. Christina wechselte in eine bequeme Jogginghose, steckte ihr Haar hoch.
»Essen ist fertig!«
»Ich habe ein echtes Kindheitstrauma, fürchte ich. Statistisch gesehen gilt das als gute Voraussetzung für ein erfolgreiches Autorinnen-Leben. Aber arme Mutter, sie hatte es mit mir nie leicht.«
»Grübelst du jetzt grundsätzlich oder ist etwas bei der Einkaufstour vorgefallen?«
Christina steckte ein Salatblatt in den Mund und kaute.
»Nichts ist passiert. Ich ärgere mich nur über mich selbst, weil ich mich seit meiner Kindheit für meine Eltern, völlig zu Unrecht, geniert habe. Weil sie ›nur‹ Gärtner waren – damals erschienen mir Eltern in Büros viel toller.«
Christina trank einen Schluck Wasser, ehe sie fortfuhr.
»Wie sie immer herumgelaufen sind! Papa in seinen zerfledderten Cordhosen und Mutter in ihren Polyesterschürzen über dem Gewand, ja, … und jetzt habe ich schon wieder Sorge, Mamas Kleid könnte lächerlich an ihr wirken.«
»Du weißt genau, dass sich unser Sohn genauso für uns geniert, egal, was wir machen. Obwohl du im Büro arbeitest und keine Schürzen trägst«, lachte Paul.
Christina verdrehte die Augen.
»Aber warum kann ich mich nicht ausschließlich an die guten Dinge erinnern, zumindest, wenn ich mit meiner Mutter unterwegs bin? – Das ärgert mich wirklich.«
Paul schaufelte seine letzten Erbsen vom Teller auf die Gabel.
»Als ich in der Volksschule war, hat sie mir aus ihrem Hochzeitskleid ein Prinzessinnenkostüm genäht.«
»Wirklich? Das wusste ich gar nicht, also, ich habe meine Schwiegermutter in über dreißig Jahren nie nähen gesehen. Weder stricken noch häkeln. Dein Vater hat sich fehlende Knöpfe am Arbeitsgewand immer mit so dünnen Drähten befestigt, oder?«
Jetzt lachte Christina: Ja, das hatte er. Mutter hätte tatsächlich nie im Leben einen Knopf an einem Arbeitshemd angenäht. Höchstens an einem schönen, teuren, und auch da nur kurz bevor Vater das Hemd dringend benötigte. Und das rosa Ohr, welches dem Nilpferd eines Tages beinahe abgefallen war, hatte Nagymama schließlich mit einigen feinen Stichen gerettet.
»Das Prinzessinnenkleid war eine Sensation, echt. Ich war zu einem Faschingsfest eingeladen, bei meiner damaligen besten Freundin. Die Einladung kam sehr überraschend. Speziell im Februar, da hatten meine Eltern kaum noch Geld, schon gar nicht für Eskapaden. Die letzten Einnahmen lagen Monate zurück, die nächsten kamen erst im Frühling mit ein paar Tulpen und dann später, zum Muttertag, mit dem Verkauf der ersten Rosen. Und da hat sie tatsächlich ihr wunderschönes Brautkleid für mich geopfert und umgenäht. Es ist eigentlich aus heutiger Sicht unglaublich, wie sie das geschafft hat – zum Glück gibt es Photos. Weil eine Ahnung vom Nähen hatte sie echt keine, und ich wüsste nicht, wen sie damals gefragt haben könnte. Soweit ich weiß, hat ihr niemand geholfen.«
Christina schob den Teller weg, stand auf, ging zum Schrank und setzte sich vor die Lade mit den Photoalben. Mutter hatte ihr zum fünfzigsten Geburtstag eines mit den lustigsten und schönsten Kindheitsbildern geschenkt. Sie blätterte durch die Photos, Klein-Christina auf einer Rodel im Schnee, Christina mit Schultüte und kurzem Haar – und als Prinzessin.
»Hier!«
Paul stand auf und hockte sich zu ihr.
»Meine Prinzessin – wusste ich’s doch!«
Die Siebenjährige mit der großen Tüllrose auf dem Kopf strahlte ihr entgegen – genauso glücklich wie Mutter gerade eben im Kaufhaus.
»Das ist heute scheinbar der Tag der weißen Kleider«, murmelte Christina.
Aus:
Silvia Hlavin: Befragungen mit macis méz (erscheint im September 2026 in der Edition Arthof)
Silvia Hlavin. Zwei Sprachen – Deutsch und Ungarisch – bieten ihr bereits früh zwei Welten, die es zu entdecken gilt. Jedes Buch, das sie liest, schenkt ihr eine weitere Welt, der Bücherwurm wird später zu einer neugierigen Vielreisenden, erobert sich somit mehr Raum und Boden, als es einst die bepflanzten Felder in elterlicher Gärtnerei vermochten. Sie wählt sich den Beruf der Buchhalterin, nicht nur des Namens wegen. Aber strukturiertes Arbeiten mit Zahlen, diese im Soll und Haben zu parken, schürt die Sehnsucht, eigene Geschichten zu erzählen. So bricht Silvia Hlavin auf – in die erste Schreibwerkstätte, besucht Seminare, erlernt das ›Handwerk‹ des Schreibens. Wagt sich mit ihren Erzählungen vor Publikum. Erste Publikationen in Anthologien folgen, ein erster Roman. Mit »Eszters Wende« im Gepäck reist sie nach Leipzig, zur Lesung auf der Buchmesse. Erzählen, was noch keine*r vor ihr erzählt hat, Geschichten zwischen den Sprachen Ungarisch und Deutsch, zwischen den Welten mit fragendem Blick auf Gesellschaft und Politik, das bleibt ihr Passion und vergnügliche Herausforderung zugleich.
Silvia Hlavin
Edition Arthof
Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Silvia Hlavin.



