Der Weg zum Nirvana

Aus dem Alltag

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Fett ist sie, die Hummel. Wie ein feister Kampfhubschrauber kreist sie über dem Klee, sucht nach einer stämmigen Pflanze, die ihre Masse dulden kann. Senkt sich dann auf eine Blüte, hoffnungsfroh, vertrauensvoll. Um nach einem Augenblick des Friedens erbost zu akzeptieren: es trägt sie nicht, das kleine grüne Volk.
Und mit grimmig dumpfem Flügelschlag ist sie dahin, die stolze Hummel. Der Klee, er schwingt noch eine ganze Weile.

Ich döse unter freiem Himmel, bekleidet augenblicklich nur mit meiner alten Sonnenbrille, die neue hab ich glatt zu Haus vergessen. Meine rechte Hand streicht durchs niedrige Gras, berührt den Klee und den Spitzwegerich dahinter, schreckt eine Biene auf, die arglos ihr Tagewerk verrichtet. Vier, fünf Ameisen mühen sich mit einem schillernd grünen Rosenkäfer, der sein Käferleben jüngst verloren hat, und schleppen ihn weiß Gott wohin. Rings um mich nur nackte Menschen aller Altersstufen. Na gut, nicht wirklich aller Altersstufen, über vierzig ist hier jeder. Die Jungen, die die Nacktheit besser kleiden würd‘ als uns, sie geben sich ja keine Blöße mehr.
Ein Distelfalter landet auf meinem linken Oberschenkel, labt sich dort am Salz und an der Sonnencreme, bevor er torkelnd sein Heil beim lockenden Lavendel sucht.

Die Liegewiese, sie liegt im schönen Ort Bad Tatzmannsdorf, was direkt nach Shanghai ein reizender Kontrast ist, ich kann das nur empfehlen. Die Doris, die liegt neben mir, lässt sich die Sonne auf den ohnedies schon braunen Bauch scheinen und liest ganz konzentriert in Luis Stabauers ‚Die Weißen‘. In der Ecke, im Schatten eines Laubengangs, sitzen drei rüstige Männer in forscher Nacktheit und mit prächtigen Bäuchen und sezieren, einen weißen G’spritzten in der Hand, die Schwächen der Politiker. Und aus der Sauna strömt höllisch dampfend und fröhlich lärmend eine Menge Volk.

Das ältere Paar steht wie versteinert vor der vollen Süßspeisenvitrine, es führt kein Weg vorbei an ihnen. Fassungslos stehen sie da, starren auf das Sortiment, wo allenthalben ein Stück Apfelkuchen oder eine Esterhazy-Schnitte fehlt. ‚Es is‘ schau gaunz schei ausg’suacht‘, raunt er dann zu ihr, ich schieb‘ mich grad vorbei an ihnen, den kleinen Braunen in der Hand. Und reines Glück ist’s, dass ich nichts verschütte.

Junge Pärchen drängen sich um die Massagedüsen, vergessen die Welt ringsum, haben nur Augen füreinander. Ein kleines Mädchen, acht vielleicht, schnorchelt neben seinem Opa her und sehnt sich womöglich schon nach dem Meer, nach der Muschel, die sie bald ertauchen wird. Eine Dreizehn-, Vierzehnjährige setzt ihre Schwimmbrille auf, steigt ins Becken, knipst ihr schönstes Lächeln an und filmt sich dabei mit dem Handy.

Mein rechter großer Zeh ist grad mal halb drin im Wasser, während Doris schon wie eine Bachforelle den Naturbadeteich durchpflügt, den wir uns mit Fröschen, Enten und Ringelnattern teilen. Ich werfe einen Blick aufs Thermometer. Siebzehn Grad. Wer macht das freiwillig? Ein Schritt weiter, man will ja nicht als Weichei gelten. Knöchel und Schienbeine frieren ein, ein weiterer Schritt auf glitschigem Grund und das Sprachzentrum versagt seinen Dienst. Doris schwimmt wieder vorbei und schaut aus wie ein Fischotter nach der Nahrungsaufnahme, bloß dass sie sich nicht zufrieden am Bauch krault. Ist der nicht kalt? Na gut, dann endlich ganz rein. MARANTANA! Ich fluche, fantasievoll und stumm, begleitet von hektischen, irgendwie unrhythmischen Bewegungen, die entfernt an Brustschwimmen erinnern. Doris zieht ruhig ihre Bahnen, murmelt etwas von wegen ‚großartig‘ oder so und macht Augen wie ein euphorisiertes Robbenjunges. Ich bin gerade mal acht Sekunden im Wasser und habe das Gefühl, der letzte Überlebende einer Schiffskatastrophe im Nordatlantik zu sein. Meine Arme fühlen sich an, als hätte mir jemand Ofenrohre aus Gusseisen dranmontiert. Ober- und Unterkiefer werde ich wohl nie wieder voneinander trennen können. Wer das Nirvana sucht, der steige in einen nachtschwarzen Teich und rieche den schweren, erdigen Geruch potentiell todbringenden Wassers. Er wird keinen Gedanken mehr fassen können.

Der Otter neben mir steigt nach mir aus dem Wasser. ‚Das war jetzt gut.‘
Ja. Eh. Müssen wir unbedingt wieder machen.

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