Der König ist tot

Aus dem Alltag

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Wieso ist das mit den Schuhbändern so kompliziert, ein schöner Knoten ist das nicht. Ich glaub, das werd‘ ich nie g’scheit lernen. Aber jetzt, wo ich mir die Schuhe so anschau und die hässlichen Schlaufen, fällt’s mir erst auf, dass ich eigentlich die Sandalen nehmen könnt‘.
Es ist ja immerhin August.

Es war ein schöner Sommer. Im Juni war’s endgültig vorbei mit dem Kindergarten, das tut mir gar nicht leid. Da laufen ja nur lauter kleine Kinder rum und ständig plärren sie, dass ihnen was wehtut oder dass sie sich nass gemacht haben oder dass sie von demunddem verdroschen worden sind. Das kann einem mit der Zeit schon auf die Nerven gehen. Das schlaucht auch die Tante Fini, das sieht man ihr doch an. Die ist aber auch schon richtig alt, also sicher über vierzig. Aber lieb ist sie und irgendwas müssen die alten Leute ja auch tun.
Und dann war der Sommer da mit seinen heißen Tagen, den lauen Nächten und den vielen Schmetterlingen auf der Wiese und auf der G’stettn Richtung Wald hin. Der Oleander von der Mama hat geblüht, als würd‘ er die ganze Welt rosa färben wollen und die Himbeeren haben wir gleich vom Strauch runter gegessen, ganz rote Hände hab ich da immer gekriegt. Und im August dann, als mein Papa endlich Urlaub gehabt hat, sind wir nach Jugoslawien gefahren. Endlos lang hat das gedauert und mein Bruder hat die ganze Zeit über gespieben, aber irgendwann waren wir dann doch dort. Portoroz hat das Dorf geheißen und Italien war auch nicht weit weg, haben sie gesagt, hingefahren sind wir aber nicht. In Portoroz, da hab ich zum ersten Mal das Meer gesehen, das hat irgendwie total interessant gerochen und so komische weiße Vögel waren auch überall, die haben richtig bös schauen können und groß waren sie auch. Ja, das Meer war super. Mein Bruder hat die ganze Zeit geschnorchelt, den haben wir nicht oft gesehen. Und ich bin sicher auf jeden Seeigel draufgestiegen, der da im seichten Wasser rumgelegen ist, bevor ich auf einmal im tiefen Wasser verschwunden bin. Das war gar nicht lustig, weil ordentlich gebrannt hat’s in den Augen und wenn dir das Wasser bei der Nase rausläuft wie aus einem hinnichen Aquarium, ist das nicht schön zum Anschauen.
Da kann’s schon sein, dass ich ein paar Minuten nicht ganz so tapfer war.

Ja, und jetzt sind wir in Mönichwald in der Steiermark. Da gibt’s kein Meer, aber Wald haben sie hier, da wissen sie gar nicht, wohin damit. Riechen tun die vielen Nadelbäume aber schon auch gut, viel besser sogar als das Schaumbad zu Hause. Und wenn so richtig der Wind weht, da gibt’s ein Rauschen, dass man glaubt, der ganze Wald fällt gleich um. Aber manchmal tut er das ja sogar.
Wir sind dann auch ganz viel gewandert, weil was anderes kann man in Mönichwald wahrscheinlich gar nicht machen, glaub ich. Außer vielleicht auf der Liegewiese beim Schwimmbecken herumlaufen und aufpassen, dass man keinem von den Großen irgendwo drauftritt, das haben sie nämlich gar nicht gern. Aber wenigstens sind keine Seeigel auf der Liegewiese, das ist ja auch schon was wert. Und an einem Abend, ich glaub, der Dienstag war’s, da haben wir dann was im Radio gehört, das war gar nicht schön. Ich hab grad gelesen, wie Fix und Foxi in Jütland waren und keiner von uns hat gewusst, wo das genau ist, dieses Jütland, da hören wir im Radio: der Elvis ist tot.

Das war ja so ein fescher Mann, meint meine Mama. Richtig schöne Filme hat der früher gemacht, als er noch nicht so dick war von den vielen Medikamenten. Und gesungen hat er auch in den Filmen, also eigentlich eh genauso wie der Peter Kraus oder der Peter Alexander, nur verstanden hat man ihn nicht. Ja, und jetzt war er tot, der Elvis, wahrscheinlich haben ihm die Medikamente nicht mehr geholfen. Es ist schon ein Jammer, meint die Mama. So ein fescher Mann war der einmal und mein Papa meint, na ja, die Priscilla war schon noch viel fescher als er und ich hab keine Ahnung, wer denn diese Priscilla jetzt wieder ist.
Aber hoffentlich ist die nicht auch krank oder dick von den vielen Medikamenten.

Eine Woche hat der Papa noch Urlaub, bevor er wieder in die Arbeit muss und bei mir sind’s noch zwei Wochen bis zu meinem ersten Schultag. Na ich bin gespannt, was das wieder werden wird. Aber die Schule ist ja nicht wie der Kindergarten, wo sie alle überdreht in der Gegend herumrennen und du Kopfweh kriegst von der vielen Schreierei. Die Schule, die ist ja was für die Großen, denk ich mir.
Dann greife ich zu den Sandalen, stelle sie wieder beiseite und laufe barfuß auf die Liegewiese. Keine drei Minuten später trete ich auf eine Biene.

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