Die Tafelrunde

Aus dem Alltag

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‚Nein, Mama, ich brauche keinen Zucker‘, sagte er und schob die kleine Zuckerdose genervt Richtung Tischmitte. Es war nur eine harmlose Frage, die ihm mit ritueller Beständigkeit gestellt wurde, und er beantwortete sie auf die immer gleiche Weise mit den immer gleichen Worten. Sie fruchteten nichts. Er griff nach dem Milchkännchen, goss ein paar Tropfen in die schmalwandige Tasse und verwirbelte sie mit schnellen, brutalen Schlägen im Filterkaffee. Der Kaffee nahm es leidenschaftslos hin und tanzte fröhlich im Rhythmus, den ihm der kleine Löffel aufzwang. Der Mann sah mit zusammengekniffenen Augen und Missmut im Gemüt in die Tasse. ‚Magst du noch ein zweites Stück Kuchen, Bub?‘, hörte er seine Mutter fragen.
Der Bub mochte nicht.

Der Bub fand sich mittlerweile auf der falschen Seite seines zweiundfünfzigsten Geburtstags wieder und stand, ganz im Gegensatz zu seiner um fünf Jahre jüngeren Schwester, immer noch im Scheinwerferlicht der elterlichen Aufmerksamkeit. Umso bemerkenswerter war es, dass keine noch so unbedeutende Veränderung seiner Gewohnheiten und Interessen, die nach seinem Auszug aus dem Elternhaus stattgefunden hatte, Einzug in das Bewusstsein seiner Mutter zu finden schien. Für sie war er immer noch der Mensch, der er gewesen war, als er ‚zu Hause‘ gewohnt hatte. Kein vertrauensvolles Gespräch, keine noch so nachdrücklich vorgetragene Information änderte etwas daran. Alles Neue, das ihn betraf, prallte mit solider Leichtigkeit an der mütterlichen Aufnahmefähigkeit ab wie Wassertropfen auf einer beschlagenen Scheibe. Ihm war nie klar gewesen, ob sich eine seelische Krankheit hinter diesem Umstand verbarg oder schlichtes Desinteresse an seiner Person.
Seit seinem Auszug waren einunddreißig Jahre vergangen.

Es stimmte nicht. Die Zeit tilgt nichts und sie heilt auch keine Wunden. Wenn sie wenigstens nicht bei der kleinsten Boshaftigkeit sofort wieder aufreißen würden. Die Frau griff nach dem Messer, schnitt ein kleines Stück vom Schokoladekuchen ab und legte es auf ihren Teller. Seit ihrem achten Lebensjahr hatte ihr niemand mehr ein Stück Torte serviert. Als einzigem in der Familie nicht. Sie glaubte nicht, dass dieser Umstand, diese scheinbar nichtige Tatsache irgendjemandem außer ihr bewusst war. Mehr noch: alle hätten sie protestiert, hätte sie diese Behauptung zu äußern gewagt. Sie lächelte, als sie die kleine Gabel in den Kuchen trieb. Wie immer begann sie am dicken Ende zu essen und nicht an der Spitze. Auch das ein Detail, eine Eigenart, die zu ihr gehörte wie der kleine Leberfleck an der Innenseite ihres rechten Schulterblatts oder die etwas zu breit geratene Lücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen. Ein weiteres Detail, das niemand in dieser Familie je bemerkt hätte.
Nein, die Zeit heilt keine Wunden, dachte sie. Man muss nur lernen, sie selbst zu versorgen.

‚Er redet nicht viel und wenn, dann nur wirres Zeug‘, dachte sie. Nie hätte sie es laut gesagt. Ihr Mann war still geworden in den letzten beiden Jahren, es nagte das Alter an ihm wie Pilze an einem Stück Totholz. Sie mochte sich selber nicht, wenn sie so über ihn dachte. Aber je älter sie wurde, desto weniger Kraft hatte sie, sich gegen ihre Gedanken zur Wehr zu setzen. Die Welt war lieblos geworden und feindselig. Niemand kümmerte sich um sie. Alle kamen sie und ließen sich bewirten und taten so, als ob alles so wäre wie immer. Obwohl doch kaum etwas mehr so war, wie es sein sollte. Der Bub sah blass aus und abgearbeitet. Man sah ihm an, dass er sich langweilte. Sie fühlte sich müde, musste sich setzen. ‚Magst du noch ein zweites Stück Kuchen, Bub?‘, fragte sie.
Der Bub mochte nicht.

Er musste lächeln. Griff mit seiner Hand, die mit Altersflecken übersät war, nach der Tasse. Sah seine Tochter an, die immer noch eine schöne Frau war und erfolgreich im Beruf und der er sich doch nie richtig verbunden gefühlt hatte. Dann seinen Sohn, dem immer alles zu langsam gegangen war im Leben. Der in seiner ewigen Hast immer woanders sein wollte, nie an dem Ort, an dem er sich gerade befand. Er führte die Tasse an die Lippen, der Kaffee war heiß und bitter. Er blickte zu seiner Frau, der er eine Last geworden war, er konnte nicht sagen wann.
‚Man weiß die Tage erst zu schätzen, wenn sie kurz geworden sind‘, dachte er sich.
Er getraute sich nicht, es laut auszusprechen.

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